Sonntag, 26. September - Glutenunverträglichkeit
Der Alltag kehrt immer weiter ein. Ich weiß, welche Busse ich nehmen muss, um zur Schule, zum Training oder in die Stadt zu kommen. Ich muss nicht mehr so viel auf mein Handy nach dem Weg schauen und kann mich mehr umgucken. Und ich habe mich an den Linksverkehr gewöhnt. Was nicht heißt, dass ich mich im Verkehr sicher fühle. Auf meinem Weg zur Schule gibt es mindestens drei Kreuzungen, bei denen ich aufgeschmissen bin und ich wirklich nicht weiß, wie man hier unbeschadet über die Straße kommen soll. Die Autos und Busse fahren wild und rücksichtslos, die Leute brüllen sich an. Alles nicht unbedingt beste Voraussetzungen für einen Fußgänger wie mich. Es gibt zwar keine Ampeln, dafür steht aber auf der Straße entweder "Look Right" oder "Look Left". Das steht, so wie ich das verstehe, für die Richtung, aus der man dann überfahren wird. Im Bus freue ich mich immer noch riesig, wenn die erste Reihe oben frei ist und ich rausschauen kann. Ulkigerweise sind die Bushaltestellen hier in Croydon falsch herum. Das heißt, sie zeigen nicht zur Straße. Mit Linksverkehr kann das nichts zu tun haben, denke ich mir und frage meine Mitbewohner. Sie meinen, dass die Haltestellen wohl vor Wasser schützen sollen, sind aber auch relativ planlos, als ich sie frage, warum denn dann nicht alle, sondern nur manche Haltestellen falschrum sind.
Der Job in der Schule macht mir nach wie vor Spaß. Mit den älteren Schülern spreche ich viel über die Wahl und das Wahlsystem, mit den Jüngeren mache ich ein kleines Quiz. Eine Frage ist: Nenne drei deutsche Politiker. Der deutsche Wahlkampf scheint nicht wirklich nach England zu schwappen, beide Klassen antworten mit: "Merkel, Hitler und Goebbels". Am Donnerstag früh werde ich vor eine Herausforderung gestellt, wie ich sie bis hierhin noch nicht hatte: Ein Schüler klopft vor der Schule an meinem Klassenzimmer und gibt mir ein in Alufolie gewickeltes Stück Kuchen. Er habe es gebacken und wünsche mir ein schönes Wochenende. "Das ist sehr nett", sage ich und bedanke mich. Auf der einen Seite finde ich es auch wirklich sehr nett und will das zum Ausdruck bringen. Auf der anderen Seite habe ich gerade wirklich keine Lust auf Kuchen und erst recht nicht auf Kuchen in Alufolie, gebacken von Schülern. Ich möchte fast meinen, dass ich insgesamt keine Lust auf Kuchen von Schülern habe und dass Schule und Kuchen strikt voneinander getrennt werden sollten. Ich denke an mein Sportstudium in Regensburg. Denn da gibt es nichts Schlimmeres, als wenn ein anderer Student, zum Beispiel, weil er irgendeine Anmeldung vergessen hat, dafür für die nächste Stunde einen Kuchen backen muss. Die Dozenten finden sich und diese Art der "Bestrafung" dann unglaublich originell, ich hingegen finde, dass dadurch nicht der Student, sondern eher ich bestraft werde. Warum muss ich denn jetzt diesen Kuchen essen, der in irgendeiner WG Küche gebacken wurde, zwischen den Sportschuhen im Rucksack zur Uni gebracht wurde, und nach dem alle schwitzigen Hände nach der Stunde greifen? Der Schüler schaut mich erwartungsvoll an, ich weiß nicht, wie ich diese Gratwanderung überstehen soll. Eine Glutenintoleranz vortäuschen? Sagen, dass ich gerade gefrühstückt habe? Oder doch einfach die Wahrheit? Diplomatisch, wie ich es nunmal bin, sage ich, dass ich mich auf die Mittagspause freue, in der ich den Kuchen, im Zusammenspiel mit einer Tasse Kaffee, genießen werde. Der Schüler lächelt und verlässt mein Zimmer. Mein Mitbewohner freut sich nach der Arbeit sehr über das Stück Kuchen in unserer Küche.
Das mit dem Essen hier ist eh so eine Sache. Ich frage die meisten Leute, die ich treffe, relativ schnell, welches typisch britische Essen ich denn gegessen haben muss. Besonders auf ein English Breakfast hätte ich Lust. "Oh, für gutes englisches Frühstück musst du zu Greggs gehen", ist ein Satz, den ich von verschiedensten Leuten höre. Am besten schmecke bei Greggs die Sausage Roll, so Jamie, mein Nachbar. Auch Nicolas Mitbewohner, beide Veganer, legen mir die Sausage Roll ans Herz. Von allen fleischhaltigen Sachen vermissen sie - und ich übersetze das zur Abwechslung - die Wurstrolle von Greggs am meisten. Die Vegan Sausage Roll, so Lawrence, schmecke gut, komme aber einfach nicht ans Original ran. Ich gehe Mittwoch früh also zu Greggs und schaue nach einer Sausage Roll. Insgesamt sieht es bei Greggs aus, wie in einer Bäckerei, zu der man nur geht, wenn man eine sechsstündige Zugfahrt vor sich hat, vor der man noch nichts gegessen und alles andere am Bahnhof geschlossen hat. Will heißen: Greggs, die beliebteste Bäckereikette Englands, ist im Wesentlichen das englische Äquivalent zu Yorma's. Weil mich die Sausage Roll sehr an einen herkömmliche Bifi Roll erinnert, entscheide ich Feigling mich doch für ein Tomate Mozzarella Sandwich.
Als ich Freitag Nacht in einem Off License Shop in Clapham nach einem Snack suche, meint ein Junge (also ein Mann in meinem Alter, aber: wie nennt man Männer in meinem Alter?), dass ich, wenn ich wirklich englische Kultur fühlen will, Monster Munchies kaufen soll. Zielsicher führt er mich zum Regal, holt eine Packung raus und kauft sie mir. "Ein Willkommensgeschenk", sagt er und geht. Joe ist begeistert, als er sieht, dass ich Monster Munchies gekauft habe. Er und seine Mitbewohner stürzen sich wie die Bekloppten auf die Munchies, die eigentlich nichs Anderes sind als Pombären.
Samstagabend grillen wir mit allen Nachbarn, Jamie und Tom schmieden den fiesen Plan, wieder ins Inferno zu gehen. Irgendwann geht die Bluetooth Box aus und ich hole meine Box aus der Wohnung und verbinde mein Handy. Es ist coole Stimmung, wir sind alle relativ betrunken. Immer wieder kommen Lieder, die mich zu sehr an den Sommer in Regensburg erinnern, die ich aus Heimwehgründen schnell leiser machen und dann wegdrücken muss. Ich rede viel mit ein paar anderen meiner Nachbarn, die alle um die 28 sind und häufig Bouldern gehen. Sie fragen mich, ob ich nächste Woche mal mitgehen will, das freut mich irgendwie riesig. Dass mich "Boulderwelt"-Aufkleber auf deutschen Autos tierisch nerven, erwähne ich nicht. Als die Anderen feiern gehen, bleiben Henry, Nicola, Shannon, Will und ich noch sitzen und quatschen und trinken lange.



Comments
Post a Comment