Sonntag, 20. März - Schmecken tut's nicht, Schön ist es trotzdem
Es ist mal wieder soweit. Ein neuer Blogeintrag. Ende Februar und Anfang März lag ich eigentlich nur – mal mit Fieber, mal einfach nur mit starken Erkältungen – in meinem Bett und habe aus meinem Fenster geguckt. So stellt man sich London vor. Zumindest weiß ich jetzt: Niemals werde ich mir ein Bett mit Stahlfedern kaufen. Mein Bett fühlt sich nach ein paar Tagen krank darin liegen wie die ‚eiserne Jungfrau‘, einem Folterinstrument aus dem Mittelalter, an. Ich bin ein bisschen aus der Übung und weiß nicht, wie ich hier eine gute Einleitung schreibe, deswegen mache ichs wie Lehrer am Anfang des Schuljahres: Ein Fach anfangen.
Ich bin Freitag
und Samstag wieder einigermaßen fit, zumindest so, dass ich mit Joe und ein
paar Freunden durch ein paar Bars ziehen kann. Es ist ganz cool, aber ich bin
leider immer noch ein bisschen angeschlagen. Mit dem Gedanken „ach komm, das
geht schon“, zünde ich mir am Samstagabend vor einem Pub in Clapham eine Kippe
an und huste für den Rest des Abends. Das einzige, was ging, war ich. Ich bin
am Sonntag wahnsinnig schlecht gelaunt. Ich vermisse es, mich einfach spontan
mit Freunden verabreden zu können, insgesamt spontan Leute zu treffen. Das
passiert hier eigentlich so gut wie nie. Wie hoch ist auch die
Wahrscheinlichkeit, in einer Stadt mit ungefähr zehn Millionen Einwohnern, von
denen man ungefähr 25 Leute kennt, zufällig jemandem über den Weg zu laufen.
Wobei: Ende Februar treffe ich zufällig, das erste Mal in 6 Monaten, Nicola und
Lawrence, als sie in meiner Straße unterwegs sind. Ein Ereignis, das so
einmalig ist, dass es hier schon Erwähnung finden sollte. Mich nervt auch, dass
meistens, wenn ich mich mit Leuten treffe, Alkohol im Spiel ist. Nicht, dass
das kein Spaß macht. Aber es wird schon viel getrunken. Irgendwie sind alle
meine Freunde hier am Rande, Alkoholiker zu werden.
Umso mehr freue
ich mich deswegen auf Sonntag. Ich will mit Charlie und Lucy auf einen riesigen
Flohmarkt gehen. Als ich gerade den Laptop ausmachen und mich fertig machen
will (ich gucke Hannover 96 gegen Nürnberg, Nürnberg holt den vierten Sieg in
Folge und schließt an die oberen Tabellenränge auf), ruft mich Charlie an. Er
klingt verzweifelt. „Shit, Theo. Lucy und ich haben letzte Woche ein Pubquiz gewonnen
und haben einen 75 Pfund Bargutschein. Der ist aber nur noch heute gültig.“ Mir
bleibt natülich nichts anderes übrig, als in den Pub zu gehen. Und sind wir
ehrlich, man trinkt keinen Gutschein mit Cola leer. Aus irgendeinem Grund ist
es auch weniger eklig, für 75 Pfund Bier zu versaufen als Cola. Ich gehe an die
Bar und hole mir ein Bier. Immerhin: In einem Londoner Pub sind 75 Pfund für Getränke
nicht viel. Es sind ungefähr 12 Bier. Zu dritt ist das in Ordnung. Wir sind
lange in dem Pub, schlendern dann irgendwann über einen Markt und gehen in
Monty’s, unsere Lieblingsbar. Irgendwie landen wir dann bei einer Puerto
Ricanischen Salsanacht. Lucy und Charlie haben unglaublich Spaß dabei, 60
jährige Damen anzusprechen und sie zu fragen, ob sie nicht mit mir tanzen
möchten. Viele mustern mich, wie ich ein bisschen bocklos und scheiß nervös an
der Bar stehe, und lehnen dann höflich ab. Ich bin aber ein bisschen dankbar
darüber, denn alle Tänzer sind praktisch Profis und ich habe Angst, meine
mögliche Tanzpartnerin zu langweilen und zu enttäuschen. Versteht mich nicht
falsch, ich liebe es zu tanzen und würde unglaublich gerne mitmachen, aber die
Leute auf der Tanzfläche haben wirklich unglaublich beeindruckend getanzt. So
beeindruckend, dass selbst Lucy, die drei Jahre im Verein getanzt hat, drei
Tanzeinladungen schüchtern ablehnt. Eine Frau willigt dann aber doch ein und
bringt mir die Standardtanzschritte bei. Es macht tierisch Spaß. Schnell habe
ich die Basics drauf, zufällig ist die Frau auch Tanzlehrerin. Charlie und Lucy
sind, und das behaupte ich jetzt einfach mal, ziemlich neidisch auf mich. Als
ich mich gerade darüber freue, wie nett die Frau ist, zückt sie ihr Handy und
macht Werbung für die Tanzkurse, die sie anbietet. Naja.
Charie, Nicola
und ich schauen am Montag den neuen Batman an. Die Kinomitarbeiterin ist
unglaublich begeistert von dem Film und erzählt, welche Szenen ihr am besten
Gefallen haben. Sie kommt richtig ins Schwärmen: „Da fand ich Robert Pattinson
unglaublich“, oder: „bei der Szene werdet ihr so erschrecken.“ Plötzlich merkt
sie, dass sie ja im Kino arbeitet, wir den Film natürlich – deswegen sind wir
schließlich im Kino – noch nicht gesehen haben. Sie hält sich die Hand vor den
Mund und geht hinter der Theke erschrocken zwei Schritte zurück. „Sorry“, sagt
sie. Wir lachen und gehen in den Saal. Erschrocken sind wir trotzdem alle. Bei
welcher Szene, das sage ich nicht, falls ihr plant, euch den Film noch
anzusehen. Hey, gern geschehen.
Das coole an
London ist, dass hier wirklich jeden Abend etwas los ist, falls man das will.
Oft bin ich müde von der Arbeit oder wir gehen einfach nur in Pubs oder Fußball
spielen, und dabei vergisst man manchmal, dass hier wirklich jeden Abend
irgendwo ein Gig, ein Konzert, ein Fußballspiel oder zumindest eine Schlägerei
ist. Charlie und ich führen diese Woche ein paar Mal die Diskussion, wer eine
solche zwischen uns beiden gewinnen würde. Wir beide sind uns sicher, jeweils
zu verlieren. Das wäre die langweiligste Schlägerei der Welt. Am Dienstag zum
Beispiel ist in der Nähe von King’s Cross ein kleines Konzert von Mereba. Ich
kenne sie nicht wirklich, aber Nicola findet sie ziemlich cool. Und das Konzert
ist es auch. So vergeht der erste Teil der Woche, ein bisschen in verstopften
S-Bahnen fahren, ein bisschen 5-a-side Fußball spielen ein bisschen in
Klassenzimern sitzen und Deutschunterricht zuschauen. Eine Stunde beginnt mit
einem Vokabeltest. Es ist recht einfach: deutsche und englische Wörter jeweils
in die andere Sprache übersetzen. Ich sitze in der letzten Reihe und sehe, wie
sich ein Schüler vor mir erst die Fragen, dann den Lehrer ansieht, sich am Kopf
kratzt, mit seiner Hand langsam in seine Tasche greift und sein Handy zückt.
Unter seinem Tisch googlet er jetzt fröhlich Vokabeln vor sich hin. Es ist
genial. Niemand merkt was. Also naja, fast niemand, sonst würde ich davon ja
nicht berichten können. Nur bringt mich der Schüler wieder in ein Dilemma. Sage
ich dem Lehrer nicht, dass der Schüler sein Handy nutzt, bin ich kein guter
Lehrer. Mache ich ihn darauf aufmerksam, fühle ich mich irgendwie wie ein
Arsch. Da kommt einfach so ein Möchtegernlehrer an, setzt sich hinter einen
Schüler und erwischt ihn dann auch noch beim Schummeln. Ich tue so, als würde
ich nichts sehen und gucke gezielt weg. Ich bin wirklich nicht für diesen Job
gemacht.
Am Mittwoch kommen
Nini und Richard zu Besuch nach London. Wenn ich darüber nachdenke, habe ich
hier schon echt viel Besuch bekommen. Natürlich hätten mich genauso viele Leute
besucht, wäre ich nicht in London, sondern zum Beispiel in Middlesborough oder
an einem ähnlich elend klingenden Ort. Das sage ich mir zumindest selber. Ich
hole sie ab und irgendwann um halb eins kommen wir in meiner Straße an. Beide
haben Hunger, ich habe zwar ein paar Chips gekauft, aber es ist ihnen eher nach
etwas Deftigem. Also schlage ich, guten Gewissens, den Bagelladen vor meiner
Tür vor, der bis jetzt ja ausschließlich gute Ressonanz bekommen hat. Die
beiden freuen sich auf einen warmen Bagel und wir setzen uns in mein Zimmer und
essen. Die Gesichter der beiden, eben noch voller Vorfreude, werden immer länger
und enttäuschter. „Und sowas essen die hier immer?“, fragt Richard. Ninis
Reaktion, als wir am nächsten Tag an dem überfüllten Bagelladen vorbeilaufen,
ist: „Die Armen, die müssen jetzt gleich alle so ein Zeug essen.“ Ich finde das
ein bisschen frech von den beiden. Seit Monaten bin ich hier schlechtem
englischen Essen ausgesetzt (zur Erinnerung: es gibt nichtmal ein Wort für
„Guten Appetit“ und allein das sagt mehr als genug über die Essenskultur aus),
habe mich aber nie, oder zumindest nicht gleich am ersten Abend darüber
beschwert. Nini und Richard sind beide entsetzt davon, dass dieser Laden mit
diesen Bagels in irgendeiner Form ‚kultig‘ sein soll. Mein erster Versuch, den
beiden die englische Kultur näherzubringen, ist also gescheitert. Oder auch
nicht? Haben sie nicht jetzt, nach einem Bagel mit nichts weiter drauf außer
einer labbrigen Gewürzgurke und ungefähr zwei Kilogramm Salt-Beef, so ziemlich
alles an britischer Kulinarik kennengelernt?
Am Donnerstag ist
St. Patrick’s Day und nichts passt da besser, als in einen Pub zu gehen und ein
Guinness zu trinken. Nini meint, dass das alles ein bisschen nach Spuckschluck
schmeckt, aber Richard meint nur, dass das genau so sein soll. Uns schmeckt es
eigentlich. Ich denke, dass ich mich mittlerweile ein bisschen an den Geschmack
gewöhnt habe. Um dem britischen Essen zu protestieren, machen wir am Abend
etwas extrem Schickes: Wir gehen in einem Ottolenghi Restaurant zu Abend essen.
Das Essen ist unglaublich. Ich habe hier in knapp sieben Monaten nichts
gegessen, dass auch nur ansatzweise so gut war, wie an diesem Abend. Das mag
daran liegen, dass ich seit Wochen eigentlich nur in der Schulkantine oder
alternativ bei mir zu Hause Porridge mit Wasser, Zimt und einem Apfel esse,
oder daran, dass das Essen so teuer ist, dass wir uns eine Vorspeise und zwei
Hauptgerichte teilen müssen, und uns das Essen mehr oder weniger schmecken
muss. Aber nein, das Essen ist wirklich köstlich. Kaum zu glauben, dass es
sowas in London gibt.
Wir gehen am
Freitag lange spazieren, wir sind so lange draußen, dass wir uns den ersten
Sonnenbrand des Jahres einfangen. Als es wieder darum geht, sich etwas zu essen
zu holen, schlage ich Nini ein klassisches ‚Meal Deal‘ vor. Preislich
(mittlerweile leider 3.50 statt 3 Pfund) ist ein Meal Deal natürlich perfekt,
aber als wir im Tesco sind, läuft Nini am Kühlregal so häufig auf und ab wie
ein Royal Guard auf Patroullie am Buckingham Palace, mustert immer ein Sandwich
(die typischen dreieckigen Toasts im Plastikdreieck) und stellt es dann, leicht
angewidert wieder zurück. Richard empfiehlt ihm: „Nini, nicht anschauen!
Essen!“ Und das muss der einzige Grund gewesen sein, warum sich Nini am Ende
(und bitte schreibt niemals: ‚schlussendlich‘, warum ist egal, macht es einfach
nicht - beziehungsweise, wenn ihr den Grund unbedingt hören wollt: weil
schlussendlich ein fucking schreckliches Wort ist) ein ‚Bacon, Egg and Ketchup
Sandwich‘ kauft und es enttäuscht unter der Tower Bridge isst. Als wir durch Tower
Hamlets laufen und ich anmerke, dass ich diese Wohngegend sehr schön finde, meinen
die beiden nur, dass alle Häuser eigentlich wie Altenheime in Deutschland aussehen.
Ich muss ihnen zustimmen. Wir gehen noch, um uns selber zu beweisen, dass es in
England nicht nur schlechtes Essen gibt, Fish & Chips essen und treffen uns
dann mit Tom und Nicola in einem Pub bei mir um die Ecke. Wir sind recht lange
da und setzen uns noch auf die Dachterrasse, die eigentlich der Hauptgrund
dafür ist, dass ich hier in zwei Wochen ausziehen muss. Sie schließt direkt an
das Badezimmer an, man kann aus dem Fenster auf sie klettern. Anscheinend wird
hier eine neue Wohnung draufgebaut, weswegen ständig einige Männer neben meinem
Badezimmer (ohne Milchglasscheiben) stehen und Messungen vornehmen. Würden sie
mich im Badezimmer sehen, könnten sie mir das Messgerät geben und anschließend die
Wikipedia-Seite ‚Weltwunder‘ um einen Eintrag erweitern.
So, jetzt, wo wir
auch einen Pimmelgag dabei haben, kann ich ja weiterberichten. Ob ihr
weiterlesen wollt, ist wie immer euch überlassen – ich freue mich darüber,
verstehe aber auch, wenn ihr keine wirkliche Lust darauf habt, diese Blogeinträge,
deren Aufbau immer mehr an die Tagebucheinträge eines Kindes erinnert (am
Montag, am Dienstag dann, am folgenden Tag, am Donnerstag, usw.), weiter zu
verfolgen.
Am Samstag will
sich Nini dringend neue Klamotten kaufen. Wir gehen von Laden zu Laden, ich werde
aber auch von Laden zu Laden ein bisschen genervter, weil ich das Gefühl habe,
mich als einziger auch wirklich umzusehen. Häufig gehen wir in Läden, Richard,
der sich in seinem Leben nach eigener Aussage „noch nie“ selber Klamotten
gekauft hat, setzt sich schnell auf einen Stuhl und Nini schaut nur nach einem
bestimmten paar Schuhe, das er vor vier Schuhläden in einer unpassenden Größe
gefunden hat, findet es nicht, und schlussfolgert dann: „London ist doch scheiße
zum Schuhe kaufen.“ Als wir in einem großen Schuhladen sind, zeige ich Nini ein
Paar. Nini mag es nicht so sehr, aber überraschenderweise findet Richard Gefallen
an ihnen. Und wie Brüder nunmal sind, will sie Nini jetzt plötzlich doch haben.
Richard einigt sich darauf, dass er sie kauft und wir stellen uns an. Als er
gerade zahlen will, merkt die Verkäuferin an, dass die Schuhe ja verschiedener
Größen sind und schickt einen Mitarbeiter ins Lager, der in diesem erstmal zehn
Minuten verschwindet. Als er nach einer gefühlten Ewigkeit zurückkommt, hält er
einen Karton mit einem anderen, aber zumindest passenden Paar Schuhe in der
Hand. Ohne sie weiter anzuprobieren sagt Richard: „Na gut, dann nehm ich halt
die hier.“ Diese Coolness gefällt mir, erstens, weil ich sie selber nicht
hätte, und zweitens, weil wir dadurch endlich aus dem Laden können. Wir suchen
noch ein bisschen weiter nach Schuhen für Nini, finden nichts, sehen aber dafür
einiges von London. Als wir zurückkommen, kaufen wir uns Abendessen auf einem
der vielen Foodmärkte. Eine große Empfehlung, wenn ihr an einem Wochenende in
London seid und euch nicht von Menschenmengen aus der Ruhe bringen lasst. Wir schauen
am Abend noch Fußball und laufen noch an der Liverpool Street entlang, schlafen
aber auch früh, weil die beiden um halb vier aufstehen müssen, um irgendwie
rechtzeitig zum Flughafen zu kommen. Was für ein paar schöne Tage!
Eigentlich will
ich das Wochenende gemütlich abschließen und einfach ein bisschen kicken gehen,
aber Charlie fragt mich, ob ich Lust hätte, mit ihm und seinem Mitbewohner Morgan
zum Australian Football Training zu gehen. Australian Football ist, wie ich
kurz danach in einem Tutorialvideo herausfinde, eine Mischung aus Rugby und American
Football und der größte Sport in Australien. Das wusste ich nicht. Aber ehrlich
gesagt: Ich weiß insgesamt nichts über Australien. Wenn es euch ähnlich geht,
ihr aber mehr über diesen lustigen Kontinenten erfahren wollt, lest von Bill
Bryson ‚Frühstück mit Kängurus‘, es ist herrlich. Zumindest fahren wir in den
Regent’s Park und machen beim Training mit. Alle kommen aus Australien und
haben lustige Akzente. Es macht unglaublich Spaß. So sehr, dass ich mich
ärgere, erst anderthalb Monate bevor ich wieder nach Deutschland fahre, dabei
zu sein. Wir gehen danach alle in einen Pub mit dem unbescheidenen Namen ‚Windsor
Castle‘. Wenn Charlie um sich herum lauter Australier hat, dann darf ich mir
auch einen kleinen Schluck Deutschland genehmigen, denke ich mir an der Bar, bestelle
mir ein großes Glas Erdinger Weißbier, und lasse die Woche mit den Jungs und
Mädels aus Melbourne, Canberra und Sidney ausklingen.
He is back again!!!
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