Sonntag, 8. Mai - Duschhähne Ausprobieren und Scheitern

Den Spruch 'Betrunkene und Kinder erzählen immer die Wahrheit' konnte ich noch nie leiden. Ich weiß nicht, wer darauf kam oder wer ihn erfunden hat. Klar, häufig gibt es nicht den einen 'Erfinder' einer Redewendung, aber wer auch immer der erste war, der dieses Sprichwort gesagt hat, hat mit Sicherheit gelogen. Kinder lügen wie gedruckt. Das meine ich nicht wegen irgendwelcher Notlügen einiger Schüler, die einfach zu durchschauen sind, nein, ich habe als Kind auch gelogen wie gedruckt, und ich bin mir sicher, ich war damit nicht alleine. Kinder sind Lügner. Vielleicht keine besonders guten, aber sie sind es. Als ich Charlie und Lucy Samstagnacht betrunken erzähle, ich könne über die viel zu hohe Schranke vor Charlies Wohnung springen, anlaufe, mich vom Boden abdrücke, meine Flugphase nach etwa 30 Zentimeter beende, ich mit den Füßen an der Schranke hängenbleibe und hart auf den Asphalt aufpralle, ist das nicht nur ein Zeichen meiner häufigen und himmelhohen Selbstüberschätzung, nein, es ist schlicht und ergreifend gelogen. Sollte jemand in meiner Gegenwart in Zukunft sagen, 'oh, Kinder und Betrunkene erzählen immer die Wahrheit, also muss das ja stimmen' (und aus irgendeinem Grund gibt es den Spruch auch nur in Verbindung mit bescheuertem Blick und Tonfall), strecke ich demjenigen meine Hand ins Gesicht, zeige die Überreste der ehrlich gesagt relativ harmlosen Verletzung meines Schrankenfalls und brülle: Ach ja, ist das so?

Irgendwie klingt dieser Abschnitt wütend. Er wirkt, als wäre ich sauer oder genervt von irgendjemandem oder irgendwas. Das bin ich überhaupt nicht. Ich wäre es, wenn jemand von Betrunkenen und Kindern gesprochen hätte, die stets nur die Wahrheit erzählen, aber warum sollte das jemand tun, zumal es, wie wir ja bereits herausgefunden haben, nicht stimmt? Und gerade hier in London, wo die Menschen ja bekanntlich Englisch sprechen und es keine Übersetzung dieser Unwahrheit gibt? Ich muss mich eigentlich überhaupt nicht über diesen Spruch aufregen, ich tue es trotzdem, warum, das ist meine Sache. Mit anderen Worten: mir geht es gut. Und es gibt keinen Grund, sich zu beklagen. Deswegen lasse ich das jetzt auch. Klar, ein bisschen nervig ist es, nach wie vor keine eigene Wohnung zu haben, aus einem Koffer leben zu müssen und mich innerhalb von zwei Monaten an fünf verschiedene Duschen gewöhnen zu müssen (ich finde es komisch, dass überall Einheitlichkeit gefordert wird, sei es bei der Coronapolitik oder dem deutschen Abitur, das Wort "Dusche" oder gar "Duschhahn" aber in diesem Zusammenhang nie fällt. Aber das macht auch Spaß und vor allem, müsste ich etwaigen Ärger ja nicht an euch armen Lesern rauslassen. 

Zwei Wochen lang wohne ich in Zimmer von Lawrence, weil er und Tom nicht da sind, seit einer Woche bin ich bei Charlie. Ich surfe also Couch. 

An einem Abend treffen uns Nicola, Grace und ich zu einer Dinnerparty. Eine Dinnerparty unterscheidet sich von einem normalen Dinner im Wesentlichen darin, dass viel Alkohol, in unserem Fall Wein getrunken wird. Wir landen in einem Pub, in der plötzlich eine Bühne für eine Karaokeparty aufgebaut wird. Alle Karaokeabende, auf denen ich bis jetzt war, waren immer eher ein bisschen unangenehm. Niemand wollte wirklich auf die Bühne, die Liedauswahl war eher dürftig, und statt mitzusingen, haben die Freunde Bilder und Videos gemacht, um sich ein bisschen darüber lustig zu machen. Will heißen: Ich war noch nie bei einem richtig guten Karaokeabend dabei. Aber in diesem Pub ist es ganz anders. Die Stimmung ist wie bei einem Konzert, alle tanzen, singen mit, ein Sänger versucht sich sogar im Stagediving - und es klappt. Das erste Lied ist "Don't You Want Me" von The Human League, die Menge tobt. Mein Auftritt ist auch gar nicht so schlecht, leider bin ich dran, als die Hälfte des Publikums zufällig rauchen geht, aber als die meisten wiederkommen, steigen sie trotzdem zu Cheryl Cole "Fight For This Love", ein Lied, von dem ich an dem Abend einen nicht enden zu wollenden Ohrwurm habe. Die Tage gehen irgendwie recht schnell vorbei, ohne dass irgendwas besonderes passiert. Das Wort 'plätschern' würde ich in dem Zusammenhang nicht benutzen wollen, weil es irgendwie zu negativ klingt. Ja, die Tage gehen schnell vorbei, aber sie sind trotzdem lustig. Sie bestehen aus Fußball spielen, in Pubs rumhängen, durch Shoreditch spazieren, britisches Essen essen, sich über britisches Essen beschweren, auf Balkonen sitzen, sich weiter über britisches Essen beschweren und ab und zu auch aus arbeiten. Eine Viertageswoche kann ich jedem empfehlen. Ich verstehe nicht, warum das nicht mehr Leute machen. Vier Tage arbeiten sind perfekt, man fühlt sich an vier Tagen nützlich und hat dann noch fast die Hälfte der Woche Zeit, sich über britisches Essen zu beschweren. 

Ein bisschen britischer Kultur erfahre ich auch als Auswärtsfan beim Zweitligahit Queens Park Rangers gegen Sheffield United. Bei einem Sieg hat Sheffield die Relegation sicher - Joe kommt aus Sheffield und hat zwei Tickets für den Auswärtsblock. Mein Englisch ist mittlerweile schon gut, als wir aber bei einem Guinness vor dem Spiel in einem Wetherspoon Sheffield Fans treffen, verstehe ich kein Wort. Joe bepisst sich nur vor Lachen und sagt, ich solle ihm danken, dass er mich hier der wirklichen Kultur näherbringe. Das Spiel ist Hammer und irgendwann spreche ich sogar nordenglischen Dialekt. Zumindest bei den Fangesängen, von denen ich das Gefühl habe, sie ziemlich schnell aufgefasst zu haben. Sheffield gewinnt 3:1. 

Eine Sache, die ich an London wahnsinnig vermissen werde, ist, immer zufällig auf irgendwelchen Events zu landen. Mal ist es eine Jazzband, die plötzlich ein großes Konzert mitten im Victoria Park gibt, mal sind es fünfzig Menschen, die vor einem Pub zu brasilianischer Musik tanzen, jubeln und feiern, und manchmal, wie an einem Samstag (ich bin ein bisschen hinterher mit dem Blog und weiß nicht, wie ich das ganze in eine Reihenfolge bringen soll), schlendern Charlie und ich in Hackney über ein paar Playing Fields und sehen zwei Fussballfelder, naja, eigentlich sehen wir sie nicht, wir sehen nur hunderte Menschen um die Felder stehen. Als wir näher hingehen, sehen wir die Trikots von Ecuador und Peru. Es ist das Viertelfinale vom Inner City World Cup in London. Es ist perfekt. Wir kaufen uns ein paar Bier, vorher haben wir schon mit Abbey Marks Spiel angeschaut, ein einseitiges 6 zu 0, durch das sie aber Meister wurden, setzen uns an den Spielfeldrand und gucken ein Spiel nach dem Nächsten. Ein paar Buben kommen zu uns und fordern uns im Fußball raus. Man, sind die schnell. Aber mit der nötigen Erfahrung und Technik gewinnen wir gegen den 10 und 12 jährigen knapp mit 4 zu 3. Wir treffen uns abends mit Nicola in Hackney Wick in einer Bar und genießen es, dass es wirklich Sommer, oder zumindest Frühling ist. Auf dem Weg nach Hause fahren Charlie und ich an einem Weg am Kanal entlang, der deutlich zu schmal für zwei Radler ist. Hier meine ich, wie ihr vermutlich ohnehin schon wisst, nicht das erfrischende Biermischgetränk, dass aus unerklärlichen Gründen von vielen überwiegend bayerischen Studenten gehasst wird, weil es kein "richtiger Alkohol" ist, nein, ich meine zwei wirkliche Radfahrer. Nur einmal verliere ich die Kontrolle über mein Fahrrad und kann mich gerade noch in den Graben retten, der auf der anderen Seite des Kanals ist. 




Wir verbringen die beiden Wochenenden komplett im Victoria Park, kriegen endlich wieder Sonnenbrände und immer wieder läuft "Sound and Vision" von David Bowie. Lucy und Charlie finden es lustig, dass so viele offizielle deutsche Wörter mit "Bundes-" anfangen. Bundeswehr, Bundesliga, Bundesland, Bundeskanzler, und so weiter. Ich verstehe nicht ganz, was daran witzig sein soll. Als ich nachfrage, erklärt Lucy, dass "Bunda", oder im Plural "Bundas" Londoner Slang ist. Übersetzt man Bunda wortwörtlich ins Deutsche, was man eigentlich nie machen sollte, weil übersetzter Slang direkt uncool und peinlich klingt - ich mache es hier trotzdem, weil "Blog schreiben" an sich relativ outdatet ist und ich damit den Schritt zum Uncoolen schon lange hinter mir habe - heißt es so viel wie "fetter Arsch". Und, Lucy und Charlie, ich muss sagen: Ich verstehe, warum ihr lachen müsst. Nun ist Großbritannien nicht gerade für einen Premierminister ohne Skandale bekannt, aber zumindest lautet seine Jobbeschreibung nicht "Fettarschkanzler". 

Es sind einfach gute Tage hier in London. Wir reden ewig, ab und zu sehe ich Road Rager, die in zwei Fällen diese hässlichen roten Stoffplüschwürfel am Rückspiegel ihres tiefergelegten Opferautos hängen hatten, und jedes Mal, wenn ich morgens die Whitechapel High Street entlang zur Overground-Station laufe und im Hintegrund die Gherkin, das Walkie Talkie und den Rest der Londoner Skyline sehe, musse ich mich kurz kneifen, um zu begreifen, dass ich wirklich immer noch in dieser riesengroßen Stadt bin. Das ist ein tolles Gefühl. Und ich habe noch zwei Wochen. Auch nicht schlecht.








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