Ende Mai 2022 - Enge Küchenfenster auf dem Weg nach Hause

Sind wir ehrlich: Mit "weekly" hat das alles hier schon seit Wochen nichts mehr zu tun. Seit einiger Zeit, genau genommen seit Ende Mai, bin ich wieder in Deutschland und habe es dennoch nicht hingekriegt, einen abschließenden Bericht von der Insel zu schreiben. Das ist enttäuschend und ich entschuldige mich bei allen Lesern, die so oft die Website theozyy-weekly öffneten, refreshten und dann enttäuscht wieder schließen mussten. Aber, und ich hoffe, diese Entschuldigung zählt, mit Blog-Einträgen ist es ziemlich genau wie mit unbeantworteten WhatsApp Nachrichten. Je länger man nicht schreibt, desto unwahrscheinlicher wird es, es überhaupt noch zu tun. Auf ein "Hey, wie geht's dir?" vier Wochen nicht zu antworten, dann aber mit einer zaghaften Entschuldigung anzukommen und doch noch zu schreiben, dass es "okay" gehe, gerade aber einfach viel los sei, ist dann auch nicht mehr wirklich von Nöten. Mit diesem Blog ist es aber anders. Mir ist es doch irgendwie wichtig, dass es hier noch einen offiziell letzten Eintrag gibt. Egal: Hier ist er.

So schnell geht es also. Neun Monate sind vergangen und meine Zeit hier in London geht zu Ende. Mir fällt auf, dass ich den Wortwitz, oder wie die Engländer goldigerweise wohlklingend sagen würden, den „pun“, mit Michael Ende in irgendeinem der vorherigen Blogs schon verbraten habe und ärgere mich. Hier hätte es sich wunderbar angeboten, zu schreiben, dass mein Auslandsjahr ist wie ein Fan der „unendlichen Geschichte“, der eine Lesung seines Lieblingsautors besucht und deswegen „zu Ende“ geht. Aber nein, ich Depp, ich Trottel, doch, ich würde fast sagen, ich Hirni, habe diesen Witz ja schonmal geschrieben. Und es wäre schon ein Armutszeugnis, sich hier zu wiederholen und euch Lesern meine Einfallslosigkeit zu offenbaren. Soll ich also einen neuen Spruch finden? Mir auf Zwang einen Witz ausdenken, der am Ende nicht mehr als ein müdes Lächeln auslöst? Wie etwa zu schreiben, dass ich es mache wie Piraten am Frühjahrsputz und die Segel streiche? Nein, das halte ich für keine gute Idee. Gut, dass das Ganze mit dem Blog hier ein Ende findet. 

Ein bisschen geht mir meine Wohnsituation schon auf die Nerven. Nicht mal unbedingt, dass ich keinen Kleiderschrank, keinen Schreibtisch, nicht mal ein Bettlaken habe. Das ist zu verkraften. Mich nervt eher diese ewige, ewige Fahrt nach Croydon, diese drei Stunden hin und zurück, die ich fahren muss, um zur Schule zu kommen. Erst mit dem Fahrrad aus dem tiefen Tower Hamlets zur Overground Station Whitechapel, vor der mir immer ein sehr verwahrloster, doch aber durchaus freundlicher, bärtiger Mann einen guten Morgen, oder wie er es aussppricht, einen "gud maunin", wünscht, von da aus dann mit der S-Bahn durch sämtliche Verkehrszonen Londons, bis in Zone 6 nach West Croydon, wo ich in die Tram steige und kostenlos (weil es keine Schranken am Eingang und nur selten Kontrolleure gibt) bis zum Sandilands Tram Stop fahre, dort aussteige und noch zehn Minuten zu Fuß zur Schule laufe. Die Pendelei ist so langweilig und zeitintensiv, dass ich seit Januar alleine auf dem Weg von und zur Schule vier ganze Bücher gelesen und zwei Staffeln "Better Call Saul" gesehen habe, aber trotzdem noch genug Zeit hatte, nach zwei Handyapps süchtig zu werden und mich über die Länge und die Kosten (ca. 300 Euro monatlich) dieser Fahrt zu beschweren. Das Schlimme an der Londoner S- und U-Bahn sind die ständigen Durchsagen, die immerfort abgespielt werden. In die Berliner, Wiener oder Nürnberger U-Bahn steigt man ein und hat im Wesentlichen seine Ruhe. Die TfL, also Transport for London, sorgt aber dafür, dass man selbst mit Active Noice Canceling Kopfhörern noch immer genau weiß, was der nächste Stopp ist, welche 15 Stopps nach dem nächsten Stopp noch folgen werden, in welcher Zone wir uns gerade befinden, wo wir für Obdachlose, die uns auf dem Weg ansprechen, spenden können, und, völlig überraschenderweise, dass man ein Ticket braucht um mitfahren zu dürfen. Als ich Nicola an einem müden Sonntag, an dem wir uns entscheiden, Bärlauch in einem Wald am Stadtrand pflücken zu gehen und diesen anschließend zu Pesto zu verarbeiten, wütend auf die nicht enden, dafür aber sehr wohl durchdringen wollenden Lautsprecheransagen aufmerksam machen will, entgegnet sie mir nur: "Chill doch, ist doch nicht so schlimm." Eine Aussage, die mich noch mehr reizt als sämtliche Durchsagen in ebenso sämtlichen U-Bahnen. "Chill doch", ist so daneben zu sagen. Wenn ich mich über eine Sache, und das will ich betonen: völlig verständlicherweise, beschweren will, dann ist das letzte, was ich hören will, dass ich doch einfach "chillen" solle. Ich will nicht chillen, ich will mich darüber aufregen, sei es eine noch so kleine Witzigkeit wie die Lautsprecherdurchsagen in öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich finde, gerade über solche Kleinigkeiten macht es doch Spaß, sich zu beschweren, auszulassen oder aufzuregen, gerade eben weil sie ja so klein sind und man sich sicher ist, dass sich daran, selbst, wenn ich eine so große Leserschaft wie euch davon überzeuge, nicht ändern wird, und das passt ja auch eigentlich, weil es eben so eine Kleinigkeit ist.




Charlie, Mark, Abbie, Lucy und ich sind oft einfach gemeinsam in der Wohnung und hängen rum oder schauen Fußball, manchmal kommt auch Elliot dazu, der aber meist so verzweifelt darüber ist, dass Leicester City nichtmal in der Conference League weiterkommt, dass er sich von Fußball erstmal fernhalten will. Die Stimmung in der Wohnung ist einfach cool, es wirkt, als hätten wir alle schon ewig zusammengelebt. Nur haben wir immer wieder Probleme mit dem Schlüssel. Charlie und ich teilen uns für drei Wochen einen, meistens klappt das auch ganz gut. Nur einmal, als wir den gesamten Samstag zuerst, wie eigentlich immer, im Victoria Park verbringen, dann von Kneipe zu Kneipe tingeln und in unserem Lieblingspub, dem "Owl and Pussycat" das FA Cup Finale angucken. Ich gehe ein bisschen früher, Lucy und Charlie treffen sich noch mit Mark, ich mache mich auf den Weg in Londons Süden nach Tooting, einem sehr wohnlichen Viertel in Londons Süden, in dem aber in der Nähe der großen Underground Stations einiges los ist. Max hat hier ein paar Freunde eingeladen, Nicola und Grace sind auch dabei, und ich fahre über eine Stunde U- und S-Bahn. Es geht mir nach wie vor nicht in den Kopf, wie riesig diese Stadt ist. Wir sind ein bisschen bei Max in der Wohnung und laufen dann, mit Grace, für die jede Bordsteinkante mittlerweile ein gefährliches Hindernis ist, nach Tooting Bec, wo es einige Märkte gibt, die sich nachts zu Clubs verwandeln. Überall läuft Musik, es ist gute Stimmung, nur merke ich, dass die Sonne mir doch ein bisschen mehr zugesetzt hat als eigentlich angenommen, also verabschiede ich mich um ein Uhr von allen und fahre zurück nach Hause. Ungefähr um drei komme ich zu Hause an und rufe bei Charlie an, damit er mir aufmacht. Er geht nicht ans Handy. Ich rufe noch ein paar Mal an, wieder hört er nicht. Ich rufe Mark an, gleiches Ergebnis, ich klingel an der Tür, auch das hilft aber nichts. Irgendwann bin ich so verzweifelt, dass ich sogar Lucy anrufe, obwohl sie den ganzen Tag unüberhörbar häufig erzählt hat, dass sie ihr Handy in der Stadt verloren habe. Überraschenderweise geht auch sie nicht ran. Ich erreiche nur Elliot, der aber gerade in Manchester ist und nicht mehr tun kann, als mir viel Glück zu wünschen. Ich will nicht nach einem nervigen Lehrer klingen, aber Glück brauche ich hier nicht. Was ich bräuchte, sind lautere Klingeln, sowohl am Handy als auch an der Türglocke, oder zumindest ein Kissen, um es mir vor der Haustür bequem zu machen. Nein, es würde schon reichen, wenn es nicht plötzlich das Regnen anfangen würde, aber natürlich tut es das, immerhin sind wir ja in England, denke ich mir, da regnet es nunmal ständig. Ich frage mich, wie es denn sein kann, dass innerhalb einer Stunde, in der ich jetzt schon vor der Tür sitze und mich frage, ob ich hier schlafen solle oder ob eine Parkbank für sowas besser geeignet ist - ein Gedanke, den ich eigentlich schon früher hätte haben sollen, dafür, dass ich schon seit zwei Monaten keine eigene Wohnung mehr habe - warum noch keiner der mindestens hundert anderen Bewohner des Hauses heimgekommen ist. Als ich den Gedanken gerade zu Ende denken will, kommen zwei Jungs an, mit Schlüssel, die mich nur ein bisschen schräg angucken und mir dann die Tür öffnen. Ich bin also zumindest schonmal im Haus. Ich laufe in den zweiten Stock und gehe den Gang, der zur Hälfte draußen ist, zu Wohnung 34. Zwar komme ich nicht rein, aber hier schläft es sich zumindest besser als auf der Straße, von der man es sich ja, traut man den Argumenten der Drogenprävention bei Kindern und Jugendlichen, eher fernzuhalten gilt. Dann sehe ich aber, dass man das Küchenfenster leicht kippen kann und versuche, durchzuklettern. Es funktioniert nicht, also klettere ich wieder runter. Es ist auf ungefähr zwei Meter, also sollte es eigentlich machbar sein, nur die Enge ist das Problem. Mein Kopf passt gerade mal so durch. Ich versuche es nochmal und bin plötzlich mit meinem Kopf und dem Oberkörper in der Wohnung und hänge über der Spüle, in und vor der leider immer noch unendlich viel schmutziges Geschirr liegt, mit allen möglichen englischen Schweinereien wie HP Sauce Resten oder Toast mit Ketchup. Leider komme ich jetzt nicht weiter, weil meine Hüfte einfach zu groß ist. Ich kann mich nicht mehr bewegen, weder nach vorne, noch nach hinten. Egal, was ich versuche, ich hänge fest. Es ist einer dieser Momente, in denen man sich fragt, wie um alles in der Welt man genau da gelandet ist. Ich hänge da, mittlerweile komplett ausgenüchtert, bestimmt eine halbe Stunde. Mein Handy habe ich in der Tasche, an die komme ich nicht ran. Ich hoffe einfach nur, dass keiner der Nachbarn mich sieht und die Polizei ruft, obwohl das, bei einem so unfähigen und bemitleidenswerten Einbrecher wohl doch fies wäre. Zwischendrin reiße ich die Vorhangstange runter, es klirrt wahnsinnig laut, aber niemand wacht auf und hilft mir. Irgendwann gelingt es mir dann doch, mich zu lösen und ich lande, ohne auch nur ein einziges Glas kaputt zu machen, auf dem Küchenboden. So stolz bin ich das ganze Jahr nicht auf mich gewesen.




Wenn der Weg in die Schule auch lang und schwer ist, so versuche ich doch, die letzten Wochen hier, also auch das Pendeln, zu genießen. Deswegen mache ich morgens öfter mal Halt an einem kleinen Café, bei dem ich mir stets einen Cappuccino und ein Croissant kaufe, um der Seele etwas Gutes zu tun. Es ist schwierig zu genießen, sieben Euro für dieses nicht annähernd sättigende Frühstück zu zahlen, dessen Croissantpart ich außerdem des Aufgebackgewordenseins verdächtige, aber trotzdem freue ich mich jedes Mal, in der S-Bahn zu sitzen und das lauwarme Hörnchen in den heißen Kaffeeschaum zu tunken und die neidischen, vielleicht aber auch genervten Blicke der Mitfahrer auf mir zu spüren. Ein paar Mal kriege ich auf dem Heimweg richtige Englandkicks, wenn plötzlich ein schwarzes Taxi mit einer Großbritannienflagge an der Windschutzscheibe neben mir im Regen hält.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich einige Dinge vermissen werde. So zum Beispiel die Coolness der englischen Sprache. Als ich einmal mit meinem Fahrrad durch die Tür zu Charlies Haus gehen will, hält mir ein junger Mann (der zwar ein bisschen Älter ist als ich, ich allerdings durch die Wortwahl "junger Mann" um mindestens dreißig Jahre altere und nun doch älter bin als eben jener "junge Mann") die Tür auf. Ich bedanke mich und er sagt nur: "No problem, have a good one". Solche Aussagen finde ich wundervoll. Nicht nur, weil er mir einen netten Tag wünscht, sondern auch, weil es so flott und einfach über die Lippen geht. 'Have a good one' klingt automatisch viel lässiger als 'einen schönen Tag wünsche ich noch' oder 'hab einen schönen Tag'. Auf den Tipp "naja, dann sag das auf Deutsch doch auch einfach so" kann ich nur sagen, dass "hab einen guten" auch nicht besser klingt. Toll finde ich auch das Wort "wedgie", für das wir in Deutschland nur das allzu praktische und genau klingende Wort "Unterhosenzieher" haben. Da ist, anders als bei eben jenen wedgies, noch sehr viel Luft nach oben. Als Lucy sieht, wie ich und Charlie verzweifelt versuchen, die Klinge des Rasierers zu wechseln, beschimpft sie uns und meint, wir haben "weaponized incompetence", einen Ausdruck den ich so toll finde, dass ich zum einen vergessen habe, wie wir darauf reagieren und dass ich ihn hier zum anderen völlig aus dem Kontext gerissen trotzdem nennen muss. Einfach, dass ich es nicht vergesse. Ist ja immerhin mein Blog, der ja auch von niemandem, schon rein garnicht von jemandem, der den Kontext bewertet, korrigiert wird.

In der Schule sage ich meinen Schülern, sie sollen zum Abschluss noch irgendetwas, das sie an Deutschland erinnert und das sie sich gut im Klassenzimmer vorstellen können, mitbringen, damit ich das Klassenzimmer aushaltbarer und besser hinterlassen kann, als ich es zu Beginn vorbefunden habe. Ein Schüler bringt einen Berliner Bären mit, ein anderer Schüler ein altes Trikot von St. Pauli und ein dritter, der meiner Meinung nach den englischen Humor am besten vertritt, eine kleine Attrappe eines deutschen Kriegsfliegers aus dem zweiten Weltkrieg, "ein eckte Messerchmitt", wie er es ausdrückt. Einige Lehrer der Schule sprechen mich eines Montags darauf an, wie es denn sein könne, dass Deutschland England beim Eurovision Song Contest 12 Punkte gegeben hat. "Schulden die uns Geld oder so?", fragt einer. Die Stimmung ist sehr gut, vielleicht liegt das aber auch an der vorsommerlichen Gelassenheit, mit der alle Schüler, Lehrer und ich (zu alt um mit den Schülern befreundet sein zu wollen, zu jung, als dass ich die offensichtlich auf der Schultoilette vapenden Schüler für ihr Fehlverhalten ermahne) in der Schule umherwandeln. Die Unterrichtsstunden bestehen hauptsächlich aus Spielen. Mit der 11. Klasse spiele ich einmal 'Park the Bus', der englische Name für 'Stadt, Land, Fluss' (ich frage mich, wo ihr, werte Leser, von jetzt an euren (fast) wöchentlichen Content an englischem Alltagsvokabular herkriegen sollt). Die Kategorien sind natürlich Stadt und Land, aber auch Sportler, Schauspieler, Band, und so weiter. Es klappt eigentlich alles gut und ich freue mich über die unterhaltsame Stunde, bis die Schüler anfangen, egal bei welchem Buchstaben, für Schauspieler ausnahmslos die Namen von bekannten Pornodarstellerinnen aufzuschreiben. Die Schüler bepissen sich vor Lachen und fragen mich, ob wir nicht statt Fluss 'Droge' und statt 'deutsches Wort' 'Kriegsverbrechen' nehmen können. Verzweifelt und mit meiner Autorität am Ende sage ich nur kleinlaut 'yes, you may'. Mit ein paar Schülern unterhalte ich mich darüber, welches Gebäude das wohl am häufigsten fotografierte sei. Als es um die Freiheitsstatue geht, äußert sich ein Schüler sehr britisch, indem er nur sagt: "Niemand hätte den Amerikanern je irgendetwas geben sollen."

Es sind einfach unglaublich coole Wochen in London. Ich bin auf vielen Konzerten, zum Beispiel mit Nicola und Steve bei Bonobo in der Royal Albert Hall, die so unscheinbar ist, weil sie in den großen Reiseführern oder bei dem Gedanken an London garnicht so direkt auftaucht, gleichzeitig aber so eindrucksvoll und riesig ist. Mit Charlie, Morgan und den ganzen Jungs vom Australian Football gehen wir ins Victoria Dalston, ein Pub, der für seine Gigs bekannt ist. Die Pist Idiots, eine australische Rockband, spielen, und es ist das geilste Konzert auf dem ich je war. Die Bühne und der Raum, in dem sie steht, erinnern eher an eine Garage, alles ist eng, alles ist heiß, alles ist unglaublich schwitzig. Wir springen zwei Stunden wie bekloppt durch die Gegend und schwitzen jeden Tropfen Alkohol direkt wieder raus. Anschließend rennen wir schnell in den gegenüberliegenden Pub, um noch das Euroleague Finale Glasgow gegen Frankfurt zu sehen, bei dem ich mich nicht traue, aufzuschreien, als Frankfurt sich das Ding holt. Wir gehen viel feiern, hängen im Victoria Park, schauen und spielen Fußball, gehen auf Flohmärkte, geben da viel zu viel Geld aus, beschweren uns zwischendrin immer wieder wie teuer London nur ist, nur um dann doch noch ein Eis für 3 Pfund zu kaufen und ein Bier für 6,50 zu schlürfen. Aber dafür sind wir ja auch da. Und jedes Mal, wenn ich auch nur einen kleinen Deut, nichtmal einen Hauch von mir gebe, der sagt, hey, liebe Leute, vielleicht muss ich heute Abend mal kürzer, um nicht zu sagen kurz treten, und damit meine ich nicht, den früheren österreichischen Bundeskanzler verletzen zu wollen, wer will denn sowas, das ist ja unschön, sondern lediglich, etwas auf den Geldbeutel, und besonders auf dessen Inhalt zu achten, weil London ja, wie zuvor schon beschwert, doch gar so teuer ist, dann ermahnen mich Lucy und Charlie und argumentieren so sinnvoll wie: "Hey Theo, heute sarst du mit Sicherheit nicht, immerhin ist es ein vorletzter Dienstag hier." Scheinbar hat auch der Mann, der auf dem Weg zum Jazz Café neben uns sitzt, an nichgs gespart, denn neben ihm und unter seinen Füßen ist eine ziemlich zum nasezuhaltende Kotzlache, vor der es auszuweichen gilt. Charlie, der mir nur wenige Stunden zuvor das Prinzip der Shower Orange, schlicht eine Orange, die man während des Duschens isst und sich daher nicht um den klebrigen Orangensaft kümmern muss, merkt an, dass zehn Uhr ja eine sehr frühe Uhrzeit für ein solches Bild sei. Daneben sitzt ein Mädchen, die nur anmerkt: "Ja, das ist echt früh." Der Mann grunzt bestätigend. Und so vergehen die Tage und die letzten paar Wochen. Wir sitzen an der Brick Lane und sehen dabei zu, wie Musikvideos gedreht werden, wie ein völlig überladener SUV an uns vorbeifährt und in jedem Fenster zwei Jungs mit Lachgasluftballons sitzen und wie das Leben hier pulsiert. Es ist wundervoll.

Ehrlich gesagt ist es zu schön um wahr zu sein. In den ersten paar Wochen, vielleicht sogar Monaten, habe ich es manchmal kaum ausgehalten, so weit weg von zu Hause zu sein. Ich habe mich immer wieder gefragt, wie das denn sein könne, London ist doch eigentlich eine so coole Stadt und ich muss doch froh sein, etwas völlig neues kennenzulernen. Heimweh ist okay, dachte ich mir oft, selbst Falco, und der Mann ist nun wirklich cool, hatte Heimweh, als er begann, eine Weltkarriere zu starten. Immer wieder, und das meine ich im Ernst, habe ich an sein Zitat gedacht, als er gesagt hat, dass es in den USA ja schön und gut sei, dass aber "das Schönste an der amerikanischen Flagge die rot-weiß-roten Streifen sind". Die ersten paar Monate, wahrscheinlich bis Weihnachten und kurz danach, musste ich mich wirklich zusammenreißen. Nach einer Zeit aber, bestimmt hat der Umzug in die Stadt (und auf diverse Wohnzimmercouches) dabei geholfen, habe ich mich nicht nur an vieles gewöhnt, sondern konnte diese riesige und lustige und laute und nervige und coole und aufregende und tolle Stadt genießen. Und jetzt, muss ich sagen, erwische ich mich immer wieder dabei, an England zu denken, und die Zeit zu vermissen. Das hätte ich am Anfang nicht gedacht und darüber bin ich froh.

Meinen letzten Tag in England verbringen wir damit, im Wohnzimmer zu sitzen, meine Sachen zu packen, unglaublich gute Musik zu hören und abends ins Jazz Café zu gehen und da bis zum Ende zu tanzen. Es ist toll. Als ich am Samstag um halb sechs aufwache, gehe ich noch schnell in Charlies Zimmer, verabschiede mich schlaftrunken von ihm und Lucy, wische vielleicht eine Träne ab, nehme meine Sachen und laufe, ein bisschen zu schnell für meinen Magen, zum Bus. Ich muss nicht dazu sagen, dass ich dabei die ganze Zeit Gänsehaut hatte.

















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