Sonntag, 12. September - Why the hell would you choose Croydon?

Die erste Woche hier ist rum. Das heißt also, es ist Zeit für die erste Ausgabe von theozyy weekly. Das ganze hier soll eine Art Tagebuch sein, aber nicht privat mit vielen Gefühlen und so weiter, sondern eher einfach eine kleine Beschreibung was bei mir, hier in Croydon, South London, so los ist. Damit ich in einem Jahr nicht alles vergessen habe, was ich hier gemacht habe, schreibe ich ein oder zweimal die Woche das auf, was ich erlebt habe oder was mir aufgefallen ist. 

Am Bahnhof East Croydon werde ich von einem der Sprachlehrer abgeholt und erstmal zur Schule gebracht. Ich werde meinem Vertrauenslehrer vorgestellt, der mir eine Tour durch die Schule gibt. Ehrlich gesagt kann ich es nicht abwarten, aus der Schule draußen zu sein, denn ich bin wirklich schrecklich underdressed. Alle Schüler, sogar die 5. Klässler, tragen Anzug und Krawatte. Ein bisschen albern, wie ich finde, aber ich denke, dass ich das besser erstmal für mich behalte. Meine Underdressedness, wenn das denn ein Wort ist, fällt mir erst so richtig auf, als ich plötzlich im Zimmer des Direktors stehe, und im Spiegel sehe, dass ich das selbe Outfit wie neulich in der Mälze anhabe. Jeder Greenkeeper hier ist vornehmer und passender angezogen als ich. Der Direktor, dessen Namen ich dringend noch lernen muss, ist aber sehr nett, schüttelt mir die Hand und sagt, dass er sich sehr freue, mich kennenzulernen und er ein großer Fan deutschen Biers sei. 

Nach der großen Tour durch die Schule fährt mich ein anderer Lehrer nach Hause und zeigt mir die Wohnung. Dann der große Schock: Mein Zimmer ist komplett leer. Dadurch, dass easyJet 60€ für 20 Kilogramm Gepäck verlangt, war an eine Möbelmitnahme nicht zu denken. Jack, der Lehrer, zeigt sich verwundert, verspricht mir aber, der Sache nachzugehen und geht dann aber erstmal selber. Ich bin todmüde und laufe erstmal durch die Wohnung, lege mich dann aber schnell aufs Sofa und warte. Irgendwann würden meine Mitbewohner, die ich noch nicht kenne, ja kommen. Kurz danach geht die Tür auf und Nick und Tom, beide angestellt an der Schule für Sport als Nebenfach, kommen rein. Wir stellen uns vor und quatschen ein bisschen. Ich finde Small Talk eh schon schwierig, auf Englisch wird es nicht bedeutend leichter. Wir gehen in mein Zimmer. Nick scheint eine gute Auffassungsgabe zu haben, denn er meint direkt: "Du hast kein Bett." Ich meine, dass ich das bereits bemerkt habe. Tom und Nick schauen sich an und beichten mir, dass ich eigentlich ein Bett gehabt hätte, äußere Umstände aber dazu geführt hätten, dass mein Bett vor gut einer Woche zu Grillkohle umfunktioniert wurde. Einfach gesagt: Die Jungs wollten mit Freunden grillen, hatten keine Kohle, dafür aber ein Holzbett und möglicherweise, so Tom, schon das ein oder andere Bier intus. Naja, und 1+1 zusammenzählen können auch die Engländer, also hatten sie bald zwar kein Holzbett mehr, dafür aber gegrillte Steaks. Der Schulleitung haben sie mitgeteilt, dass in dem Zimmer komischerweise kein Bett mehr sei. Die Schule hat das wohl nicht weiter hinterfragt, vielleicht vergrillt man ja öfter Möbel hier, und uns noch abends ein Bett zukommen lassen. Wir bauen es auf, schleppen noch eine Kommode aus dem Wohnzimmer in mein Zimmer, beschließen dann aber, das mit dem Einrichten erstmal sein zu lassen und in einen Pub zu gehen. Wir klingeln noch unsere Nachbarn raus und machen uns auf den Weg. Besonders lange halte ich nicht aus, zwei Guiness später falle ich ins Bett, für das ich von Nick sogar noch eine Decke bekommen habe.

Die nächsten Tage bestehen im Wesentlichen aus Deutschstunden, denen ich zuhöre, weil mein Visum erst ab 10. September gültig ist, im Internet nach Basketballmannschaften suchen und durch Croydon laufen. Croydon ist ziemlich rough, vor meiner Wohnung schlafen regelmäßig Drogenabhängige, die Stadt wirkt echt vernachlässigt. Die Klasse, bei der ich mich vorstelle, fragt mich, warum zur Hölle ich denn nach Croydon wollte. Sie lachen, als ich ihnen sage, dass ich der Schule zugeteilt wurde und sie nicht bewusst gewählt habe. Als Tipp für die Stadt geben sie mir ein "pass auf, dass du nicht abgestochen wirst" mit auf den Weg. 

In der Schule selbst verlaufe ich mich ständig, bin ständig ausgesperrt, weil man für jede Tür eine Schlüsselkarte braucht, die ich noch nicht habe, und muss dann darauf warten, dass mir jemand die Türen aufmacht. Die Lehrer hier sind ziemlich streng mit den Richtungen, in denen man die Treppen hoch- oder runterlaufen darf. Manche Treppen gehen nur nach nach unten, manche nur nach oben. An solchen Sachen merke ich einfach, das nicht genug Lehrer in mir steckt. In keiner Welt kann ich mir vorstellen, Schülern zu sagen, welche Treppen sie zu benutzen haben. Erstens, weil ich selber keine Ahnung habe, wo ich rumlaufe, und zweitens, weil es mir schlicht egal ist. Manchmal lande ich wie durch Zufall im Common Room, praktisch ein Lehrerzimmer in sehr gemütlich. Hier gibt es ein riesengroßes Regal mit Kaffeetassen, aus denen man sich aber, wie ich lernen musste, keine nehmen darf. Jede Tasse hat nämlich seinen eigenen Besitzer. Als ich einmal dringend einen Kaffee brauche, greife ich zufällig nach genau der Tasse, die der Dame neben mir gehört. Wütend erklärt sie mir, dass das ihre Tasse ist. Irgendwelche unverständlichen englischen Entschuldigungen stammelnd, gebe ich ihr kleinlaut die Tasse zurück. Mir doch wurscht, denke ich mir, nehme ich mir halt eine andere. Trotzdem: Ich schreibe "Tasse" auf meine Einkaufsliste. Ich richte Schritt für Schritt mein Klassenzimmer ein. Meine Vorgängerin scheint ein Faible für deutsche Memes gehabt zu haben, davon hängen nämlich tausende an den Wänden. Gut, dass ich meinen FCN Schal und das Tokio Hotel Poster direkt an die Wand hänge, um zumindest etwas deutsche Leitkultur zu vermitteln. Trotzdem, eine kleine Auswahl meiner Klassenzimmerlieblingsmemes will ich euch nicht vorenthalten: 







Ich komme mir schrecklich alt vor, wenn ich jeden Tag vor dem Spiegel stehe und meine Krawatte binde. Als Ausgleich dazu gehe ich am Freitag nach der Schule einkaufen und komme nach Hause mit einer Packung Nudeln, einem Glas Pesto und 20 Flaschen Bier. Wir gehen abends feiern und landen in einem schrecklichen Club namens Inferno. Es ist echt viel los und ich auch wirklich betrunken, ich merke hier erst, dass es in England, mit Ausnahme der Schultreppen, kein Corona mehr gibt. Es ist ein echt lustiger Abend. Samstag treffe ich mich mit Joe, einem alten Austauschschüler aus Sheffield, und wir schauen Fußball und fangen dabei an, Bier zu trinken. Seine Mitbewohner sind auch motiviert, und obwohl wir uns alle fest vornehmen, in einen Techno Club zu gehen, landen wir am Ende doch wieder im Inferno. Lange halten wir es aber nicht aus und schwören uns, da erstmal nicht wieder hinzugehen. Kann ja nicht sein, dass ich zwei von sechs Abenden da verbracht habe. Die beiden Abende tun mir gut, ich habe nicht mehr ganz so viel Heimweh. Ich brauche bestimmt trotzdem noch ein bisschen, um hier voll anzukommen. Aber dafür habe ich ja genug Zeit.

Comments

  1. Super Idee Theo, hört sich toll an! Und 2 Guiness am 1. Abend ist sehr redpektabel👍

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