Sonntag, 19. September - Zurück in die Zwölfte
Die zweite Woche ist vorbei. Sie ist schnell vergangen. Vielleicht liegt es daran, dass ich mehr zu tun habe und jetzt auch angefangen habe, selber zu unterrichten und zwei mal die Woche Basketballtraining zu geben. Das Unterrichten macht mir Spaß und ich habe auch das gute Gefühl, dass die Schüler alle echt zufrieden aus dem Klassenzimmer gehen.
Mein Fazit der Woche: Ich sehe zu jung aus. Ich sehe aus, und das habe ich jetzt wirklich schon oft gehört, wie ein 6th Former, also ein Schüler der Oberstufe. Am Dienstag, als ich um halb eins fröhlich in der Schlange vor der Lehrerkantine (ein schreckliches Wort) stehe, tippt mir eine Lehrerin auf die Schulter und meint, dass diese Kantine ausschließlich für Lehrpersonal und Mitarbeiter sei. Die Mensa der Schüler befinde sich den Gang runter und dann rechts. Ich bedanke mich für die Information, sage aber kleinlaut: "Ich bin der neue Deutschassistent." Daraufhin lacht sie und meint, ich solle mir doch bitte einen Bart wachsen lassen. Ich entscheide mich dagegen, ihr zu sagen, dass das so leicht nicht ist und nehme mir stattdessen einen Teller Curry und dazu eine Tomatensuppe. Das Mensaessen ist wirklich köstlich! Als ich am nächsten Tag in die Sporthalle komme, um mit Nick, meinem Mitbewohner, Basketballtraining zu halten, fragt mich ein Lehrer, wo ich denn meine Sportuniform gelassen habe. Auch ihm muss ich erklären, dass ich kein Schüler bin und deswegen keine Uniform habe. Ich würde nicht sagen, dass ich davon genervt bin - eher mache ich mir ernsthafte Sorgen um meine Autorität. Ein weiteres Beispiel dafür ist die Pause am Mittwoch. Als ich wie durch Zufall im Pausenhof lande (ich kenne nur die Wege zur Mensa und in mein Zimmer), fragen mich zwei kleine Jungs, was ich denn unterrichte. Der eine sagt stolz, dass er Deutsch spricht. Ich sage ihm, dass er mir das mal zeigen soll. Frech sagt er: "Du Dummkopf." Ich bin relativ sprachlos. Also sagt er nochmal "Dummkopf". Ich stutze. Ich frage ihn, ob er denn wisse, was das heißt. Er sagt, dass er das natürlich tue, er spreche ja Deutsch, wie gesagt. "It means: you idiot." Der Kleine traut sich was, denke ich mir. Aber wie reagiere ich darauf? Ich kenne die Schulregeln, was sowas angeht, nicht. Also ehrlich gesagt, ich kenne die Schulregeln insgesamt noch nicht. Ich muss also versuchen, die Situation mit reinem Menschenverstand einzuschätzen: Es ist Grund genug, ihn nachsitzen zu lassen. Ihm eine reinzuhauen wäre hingegen, wie ich empfinde, etwas über die Strenge geschlagen und - außerdem - nicht wirklich meine Natur. Nachsitzen lassen will ich den Bub nicht, irgendwie finde ich ihn ganz lustig und außerdem finde ich nicht, dass ich mich in die Angelegenheiten von Lehrern einmischen sollte. Ich nutze die Situation zu meinem Vorteil und sage ihm, dass ich ihm das durchgehen lasse, wenn er mir sagt, wo der Common Room ist. Er beschreibt mir den Weg und ich merke, dass ich das kleine bisschen Autorität, das ich noch hatte, endgültig los bin.
Aus Gewohnheit ziehe ich immer noch, kurz bevor ich den Supermarkt betrete, meine Maske auf. Als ich Freitagnachmittag im Supermarkt bin und mir eine Flasche Prosecco für die Feier am Abend kaufen will, sagt die Verkäuferin, dass sie entweder meinen Ausweis oder mein "ganzes" Gesicht sehen müsse. Selbstsicher und in der Hoffnung, nicht im Rucksack nach meinem Geldbeutel kramen zu müssen, ziehe ich meine Maske ab. Sie schaut mich an. Vernichtenderweise sagt sie dann: "Okay ich glaube ich muss deinen Ausweis sehen." Ach Mensch, denke ich mir, und krame doch meine Geldbeutel aus meinem Rucksack. Ich glaube nicht, dass meine Googlesuche "älter aussehen" wirklich weiterhilft.
Es ist Dienstag. Heute Abend habe ich mein erstes Basketballtraining mit den Croydon Cougars. Basketball spielen hier in England ist relativ teuer. An den Schulen wird zwar unheimlich viel Sport angeboten - richtige Vereine gibt es dadurch aber seltener. Für Ältere, und das will ich betonen, also Leute wie mich, ist es schwierig, Sport im Verein zu machen. Die Saison kostet 250 Pfund. Ich habe mit dem Trainer geschrieben, er hat, ohne dass ich je beim Training mitgemacht habe, gesagt, dass ich ihm jetzt schonmal 100 Pfund überweisen solle. Als Vorzahlung praktisch. Habe ich nicht gemacht. Das Training macht Spaß. Ich bin recht nervös, weil er gesagt hat, dass heute der letzte Tag der Tryouts ist und er sich danach für einen 14er Kader entscheidet. Es ist eine coole Nervosität, ich freue mich. Beim Training schlage ich mich gut. Ich stelle mich den Jungs mit "Theo" vor. Relativ schnell nennen sie mich aber nur noch naheliegend "Germany". Überaus kreativ ist der Spitzname nicht und ich bin mir ehrlich gesagt nicht mal sicher, ob "Deutschland" überhaupt als Spitzname durchgeht, aber irgendwie finde ich es ganz nett.
Für mich gibt es nach der Schule nichts Schlimmeres, als an der Bushaltestelle neben tausend Schülern zu stehen. Es gibt immer eine Lehrkraft, die für Ordnung beim Einsteigen in den Bus verantwortlich ist. Die Lehrerin, die heute dran ist und scheinbar auch nicht weiß, dass ich kein Schüler mehr bin, schickt mich zurück, als ich in den Bus einsteigen will. Ich hätte mich vorgedrängelt und das dürfen auch 6th Former nicht. Ich kriege das Kotzen. Leider fehlt mir in solchen Momenten, besonders wenn sie auch noch auf Englisch sind, die nötige Schlagfertigkeit. Ich sage, dass ich überhaupt nicht einsteigen will und laufe an der Bustür vorbei. Gezwungenerweise muss ich jetzt laufen. Ich schaue auf Maps nach und sehe, dass das jetzt wohl über 45 Minuten dauert. Aber es lohnt sich. So hässlich West, East, North und Central Croydon sind, so sehr gefällt mir South Croydon. Ich laufe an schönen Häusern vorbei, es sieht fast ländlich aus, ich laufe durch einen riesigen Park. Als ich am nächsten Morgen zur Schule laufe, höre ich einen Vogel singen, der einfach nicht hierhin passt und zu exotisch für Croydon klingt. Als ich nach oben schaue, sitzt ein Papagei auf dem Baum. Ich lag also falsch, als ich gesagt habe, Croydon hätte keine Natur.
Freitag bin ich bei Martha, meiner Gastschwester, als ich in der 10. Klasse in Oxford gewohnt habe, zum Geburtstag eingeladen. Nikola, die letztes Jahr in Bamberg gewohnt hat und mit Martha zusammengewohnt hat, Grace, eine Freundin von ihr und ich glühen vor. Relativ schnell sind wir gut angetrunken. Auf dem Weg zur U-Bahn kommen wir an einem kleinen Nebenfluss vorbei, auf dem viele Schwäne schwimmen. Nikola fragt mich, ob ich denn wisse, dass alle Schwäne im Vereinigten Königreich der Queen gehören. Ich lache darüber und frage mich, in was für einem seltsamen Land ich denn auf einmal lebe. Ein bisschen verunsichert bin ich dann doch. Was ist mit anderen Tieren, mit Hunden zum Beispiel? Gehören die auch alle der Queen? Oder schlimmer noch, trifft die Regel auch auf Deutsch Assistenten zu? Gehöre ich jetzt der Queen? Grace und Nikola sagen mir, ich soll mich beruhigen. Marthas Geburtstag ist cool, wir haben alle Konzerttickets für Dele Sosimi im Jazz Cafe, ein Club eher im nördlichen London. Die Stimmung ist ziemlich cool, alle tanzen, alle sind gut dabei. Auf dem Weg nach Hause fährt unser Uber direkt an der Tower Bridge vorbei. Davor ist eine rote Telefonzelle. Und so viel Tourist bin ich dann doch noch. Ich zücke direkt mein Handy und mache Fotos. Der Uberfahrer lacht und hält sogar für mich an.
Besonders wenn ich nichts zu tun habe und in Croydon in meinem Zimmer sitze, kriege ich Heimweh. Aber es wird besser. Als ich am Sonntag aus der Stadt zurücklaufe, merke ich, dass ich kein einziges Mal auf Google Maps nach dem Weg schauen muss. Langsam komme ich also an. Das ist ein gutes Gefühl.



Lieber Theo, was ein wunderschöner Schwenk aus deinem Leben dort drüben auf der Insel. Eine nette kleine Lektüre zu einem sog. "cup of tea" nach getaner Arbeit an einem Montagnachmittag im wolkigen Regensburg. Freue mich auf Fortsetzung. LG ❤
ReplyDeleteLieber Beasy,
ReplyDeletefreut mich zu hören, dass mein kleiner Eintrag dir heute den Feierabend versüßt hat. Hoffentlich gefällt dir auch der nächste Teil meines Abenteuers.
Viele Grüße aus dem Königreich ♥️
Lieber Beasy,
ReplyDeletefreut mich zu hören, dass mein kleiner Eintrag dir heute den Feierabend versüßt hat. Hoffentlich gefällt dir auch der nächste Teil meines Abenteuers.
Viele Grüße aus dem Königreich ♥️