Sonntag, 10. Oktober - Müll und Säcke
Heute ist Wandertag. Ich versuche, die Vorteile zu sehen. Ich muss einen Tag mal weder Hemd noch Anzughose oder Krawatte tragen. Das ist was Gutes. Außerdem: Das Wetter ist schön und ich werde den ganzen Tag draußen rumlaufen können. Auch das ist was Gutes. Als ich in die Schule komme und Müllsäcke, Müllgreifer und zu meinem Entsetzen auch gelbe Warnwesten bereitstehen, läuft mir trotzdem ein Schauer über den Rücken. Die Schüler - alles 9. und 10. Klässler - sitzen relativ lustlos daneben. Zum Glück bin ich nicht als einziger Lehrer eingeteilt. Ich hätte die nicht motivieren können, loszulaufen und Müll in Croydons Straßen und Parks zu sammeln. Ich packe noch schnell das Lunchpaket, das die Schule mir gegeben hat, ein, rüste mich aus mit Müllsack, Handschuhen und Greifarm (die Weste lasse ich ganz bewusst weg; als mich ein Schüler fragt, warum ich keine Weste trage, sage ich relativ unschlagfertig: "ich bin groß genug") und wir machen uns auf den Weg. Ehrlich gesagt: So schlimm ist es nicht. Als Motivation verspricht der andere Lehrer eine Überraschung für diejenigen, die am Ende des Tages die vollsten Säcke haben. Ich muss schmunzeln.
Ich bin neidisch auf die Schüler. Ich spüre nämlich das Verlangen in mir aufkommen, andere Schüler mit dem Greifarm zu nerven. Diese Müllgreifer verleiten einfach dazu. Ich muss mich zusammenreißen. Mein Ruf an der Schule, soweit ich denn einen habe, ist zwar ganz gut, aber noch lange nicht gut genug, um Schüler mit Müllgreifern zu belästigen. Ich lasse das also vorerst. Nach zweieinhalb Stunden machen wir Mittagspause an einem Aussichtspunkt in einem Park, von dem wir auf London schauen können. Ich finde, das ist ein Bild wert. Natürlich, es sind nicht die Alpen oder der Eiffelturm, aber trotzdem ganz schön.
Mein Lunchpaket erweist sich als relativ einfallslos und ebenso enttäuschend. Eine Flasche Wasser, eine kleine Packung Chips und ein Baguette, das mit nichts weiter belegt ist als mit Ketchup und zwei in der Mitte geteilten, labbrigen Würsten. Dem Deutschen das Deutsche, dachten die sich wohl. Als wir uns wieder auf den Weg machen, scheinen die Schüler komplett unmotiviert. Wer will es ihnen verübeln? Ich komme auf die - wie ich finde - großartige Idee, ein Punktesystem für gefundenen Müll einzuführen. Ein Taschentuch gibt einen Punkt. Eine leere Dose oder Flasche gibt zehn Punkte. Den Hauptgewinn von 50 Punkten aber, sage ich, gäbe es für ein altes Kondom. Das bringt was. Wie verrückt fangen die Schülerwieder zu suchen an, heben meistens nur den Müll auf, der auch auf der Punkteskala vertreten ist, aber ich denke, das ist wenigstens etwas. Eigentlich ist der Wandertag garnicht so bescheuert. Und wenn man ganz ehrlich ist: Es ist schon verrückt, wie viel Müll wirklich an der Straße und in dem Wald liegt. In den vier Stunden, in denen wir unterwegs sind, füllen wir insgesamt über dreißig Müllsäcke. Als wir zurückkommen, verzichte ich aus Wettbewerbsverzerrungsgründen darauf, bei der Auswertung des dicksten Sacks mitzumachen.
Es gibt oft Situationen in der Schule, bei denen ich mich sehr mit Schülern identifizieren kann und mir denke, dass ich das gerade auch sein könnte. Einmal, auf dem Weg in den Common Room, laufe ich an drei Schülern vorbei, die versuchen, aus dem Stand an die Decke zu springen. Alle sind ganz knapp davor, es zu schaffen. Ich muss grinsen, als ich an ihnen vorbeigehe. Genau das war ich, denke ich mir, und komme mir wieder alt vor. Ich fühle mich wohl an der Schule und denke auch, dass die Lehrer mich mögen: Ich sitze am Donnerstag im Common Room, als der Schulleiter, dessen Namen es für mich noch herauszufinden gilt, reinkommt und mich fragt, wie es mir gehe. Er habe gehört, dass ich mir hier so gut eingefunden habe und das, so sagt er mir, freue ihn sehr.
Abends haben wir unser erster Basketballspiel. Es ist nicht wirklich der Rede wert. Wir verlieren gegen Streatham mit 55:80. Ich habe schnell drei Fouls, spiele in der ersten Halbzeit schrecklich, in der zweiten dann ganz okay. Aber es macht Spaß, wieder ein richtiges Spiel zu haben. In zwei Wochen geht es gegen Crystal Palace, da wird es dann ja vielleicht schon besser.
Meine Wochen hier sind relativ durchgeplant. Mittwoch gehen wir bouldern, ich ärgere mich darüber, dass ich das nicht schon öfter gemacht habe. Das ist echt ein lässiger Sport. Ich bin nicht gut drin und baumel oft unbeholfen an einfachen Routen, merke aber, dass man sich schnell verbessern kann. Harry fragt mich, ob ich denn schon ein Fahrrad habe. Ich sage ihm, dass ich das von Nick haben kann, es gerade aber noch einen kaputten Reifen habe. Henry bietet mir an, sich das Fahrrad mal anzuschauen. Als ich abends nach Hause komme, ist das Fahrrad perfekt hergerichtet und aufgepumpt. "Enjoy", schreibt mir Henry auf WhatsApp. Ist das nett!
Als ich von der Schule nach Hause radel, sehe ich, das es in Croydon heute ein Referendum gibt. Es hat irgendwas mit dem Bürgermeister zu tun, mehr verstehe ich auch nicht. Die haben es wohl immer noch nicht verstanden, denke ich mir und fahre weiter.
Donnerstag gehen wir zu einem kleinen Gig von Mahalia nach Shoreditch. Eintritt, Getränke und Essen sind umsonst, es ist ein guter Abend. Es ist einfach eine kleine Bühne in einer Garage neben der Overground Station von Shoreditch. Die Musik ist ganz cool, die Stimmung ausgelassen. Mahalia singt ein paar Lieder, danach legt noch ein DJ auf. Gut, dass ich Freitags nicht arbeiten muss. Das Wochenende bin ich wieder viel in London, es passiert aber nicht wahnsinnig viel.
Ich merke, dass manche Tage einfach schnell vergehen und - wie gesagt - nicht unglaublich viel passiert. Das ist ja auch ein Zeichen dafür, das ich langsam wirklich ankomme. Davon gibt es dann auch einfach nicht viel zu erzählen. Und mit meinem Alltag will ich hier niemanden langweilen. Vielleicht kommt es ja demnächst mal zu einem Banküberfall, einer Messerstecherei oder zumindest zu einer ordentlichen Schlägerei vor einem Pub. Aber solange das nicht passiert, muss ich mich eben an anderen aufregenden Sachen erfreuen und davon erzählen. Zum Beispiel vom Müllsammeln in Croydon.
So funny
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