Sonntag, 17. Oktober - Krank, kaputt und keine Orangenpresse
Es sind Ferien! Und ich würde sagen: Die habe ich mir verdient. Nach fünf Wochen harter Arbeit jetzt zwei Wochen frei. Aber eins nach dem Anderen. Am Montag nach der Schule hat die Basketballmannschaft der Oberstufe ein Spiel. Wir verlieren mit ungefähr dreißig Punkten und ein Spieler knickt am Ende des Spiels noch übel um und reißt sich alle Bänder, die an so einem Knöchel hängen. Als wir zurück zur Schule fahren, warten Nick und ich mit ihm darauf, dass ihn seine Mutter abholt. Es ist relativ still. Als Nick dann in die Schule muss, um irgendwas zu holen, fängt Jimmy dann an, zu quatschen. Über das Spiel, wie ich es fand, dass er sich schonmal so verletzt habe und so weiter. Das gibt mir irgendwie ein cooles Gefühl. Auch wenn Nick genauso alt ist wie ich, habe ich doch das Gefühl, dass zumindest die Schüler aus der Basketballmannschaft mich für nahbarer und cooler halten. Nicht, dass es mein Ziel ist, bei den Schülern cool zu wirken. Das ist mir eigentlich egal. Am Dienstag motze ich einen Schüler an, dass er sich in meinem Klassenzimmer nicht so aufzuführen habe und dass er, wenn er nicht gleich seine Klappe halte, dieses auch gerne wieder verlassen kann. Er zum Beispiel findet mich ätzend. Aber auch damit muss ich klar kommen.
Als ich am Dienstag aufwache, merke ich, dass ich meinen Hals nicht nach rechts bewegen kann. Wann immer ich versuche, nach rechts zu schauen, tut es wahnsinnig im Nacken weh. Ich diagnostiziere selbstständig "Steifer Nacken" und gehe mit diesem Anliegen und der Hoffnung, eine Schmerzsalbe zu bekommen, ins Sanitätszimmer der Schule. Die Sanitäterin sitzt gerade mit einem Mädchen aus der 12. Klasse im Zimmer und trinkt Tee. Sie gibt mir eine Packung Ibuprofem, die Schülerin hingegen fragt mich, ob ich in ihrer Klasse oder in der Jahrgangsstufe unter ihr sei. Hört das denn nie auf, denke ich mir, und sage das 127. Mal in diesem Monat, dass es sich hierbei um ein Missverständnis und bei mir um einen Lehrer handele. Das wird echt langsam langweilig und ich kann es nicht mehr hören.
Was meinen Unterricht angeht, habe ich die Idee, von nun an, quasi als Starter, immer einen Deutschspruch der Woche an das Whiteboard zu schreiben. Den sollen die Schüler dann vorlesen und sagen, was das bedeuten könnte oder was uns dieser Spruch sagt. Dabei will ich aber keine berühmten deutschen Zitate von berühmten deutschen Lyrikern oder Politikern oder so schreiben (Fußballspieler sind aber okay und mindestens ein Zitat von Lukas Podolski wird drankommen), nein, es sollen Zitate von Freunden oder Bekannten von mir von daheim sein. Den Anfang macht Juli mit einem Spruch, den ich einfach an dem Tag passend finde: Sitzen ist das neue Rauchen. Die Schüler fragen, wer dieser Julian Grimm sei, und ich verrate erstmal nicht, dass er mein Mitbewohner in Regensburg ist, sondern weise darauf hin, dass sie in Geschichte vielleicht mal besser zuhören sollten. Ansonsten passiert relativ wenig in der Woche. Wir gehen bouldern, ich gebe und habe Basketballtraining und freue mich auf Freitag. Da kommt nämlich Basti zu Besuch.
Freitag früh hole ich ihn am Bahnhof St. Pancras ab und bin echt aufgeregt. Um mich herum stehen viele Leute mit Blumen oder Schildern, auf denen Namen stehen, ich habe nichts dabei. Warum auch? So wie ich London kenne würde hier ein Strauß Blumen umgerechnet 30 Euro kosten, und so wie ich Basti kenne, wären diese 30 Euro Perlen vor die Säue. Ich freue mich riesig, ihn zu sehen und es tut unglaublich gut, mal wieder mit jemandem Deutsch zu sprechen. Es ist schon ein riesiger Unterschied, ob man am Telefon oder in echt miteinander spricht. Blöder und zufälligerweise merken wir beide schnell, dass wir krank werden. Um schnell wieder fit zu werden, kaufen wir uns drei Netze Orangen und Zitronen und so viele Vitamine, wie wir sie in Croydon finden können. Der Coronatest ist zwar negativ, aber wir fühlen uns wahnsinnig schwach. Für Samstag haben wir ein Konzert für ein kleines Technofestival gekauft, bis dahin wollen wir dringend fit werden. Wir laufen einmal durch halb Croydon, um irgendwo eine Orangenpresse zu finden. Aber es gibt keine. Nirgendwo. Im allerletzten Off Licence Shop finden wir dann eine, die aber zu nichts zu gebrauchen ist. Als wir Samstag früh aufwachen, müssen wir leider feststellen, dass wir nicht fit genug für das Festival sind. Ich bin aber noch geiziger als unfit, und beschließe deswegen, trotzdem zu gehen, weil ich das Geld für die Tickets nicht umsonst gezahlt haben will und mir denke, dass ich schon irgendwie von 16 bis 7 Uhr durchfeiern kann. Basti besteht darauf, dass ich gehe, also fahre ich zu Nicola und wir glühen vor. Basti hat mir davor von der wunderbaren Regel erzählt, dass es meist nur einen ordentlichen Rausch brauche, damit die Erkältung dann ganz verschwinde. Leider klappt das nicht. Obwohl es auf im Boiler Room echt geil ist und ich auch gut dabei bin, muss ich relativ schnell gehen. Ich kann nicht mehr und bin wohl echt krank. Wir fahren zurück nach Croydon und verbringen den Samstagabend zu dritt vor dem Fernseher. Das ist schon ein bisschen enttäuschend. Auch am Sonntag sind wir hauptsächlich im Wohnzimmer, trinken einen Tee und eine heiße Orange nach der Nächsten und hoffen, so schnell es geht wieder fit zu werden.
Comments
Post a Comment