Sonntag, 24. Oktober - Dicke Tauben vor dem Kunstmuseum
Die Erkältung macht uns schon zu schaffen. So richtig kommen wir einfach nicht in die Gänge. Weil wir uns Sonntag wirklich gut geschont haben und auch davon überzeugt sind, dass wir uns jetzt auch nicht kaputtschonen müssen, machen wir uns auf den Weg in die Londoner Innenstadt. Damit Basti auch wirklich das Gefühl hat, in England angekommen zu sein, machen wir uns zuerst auf zum Buckingham Palace. Er ist relativ enttäuscht von dem Gebäude, meint, er hätte ihn sich prunkvoller vorgestellt. "Aber den", so Basti "hätte auch Hitler bauen können." Leider merken wir auf Höhe Big Ben, dass das mit der Erkältung doch noch länger dauert als gedacht. Wir sind ziemlich kaputt, fahren wieder zurück und kaufen wieder sämtliche Orangenregale Croydons leer. Auch am Dienstag müssen wir noch daheim bleiben. Ich werde zwar nicht müde "mir geht es schon besser" zu sagen, bin aber trotzdem zu müde und k.o. irgendwas richtiges zu unternehmen. Basti geht es da ähnlich. Abends schaffen wir es zumindest, essen zu gehen. Wir gehen ins Little Bay, ein Restaurant, das mir hier am ersten tag empfohlen wurde. Verrückt, denke ich mir, das ist schon über anderthalb Monate her. Und ich muss sagen: Die Empfehlung gebe ich weiter: Wenn ihr mal in Croydon seid, geht da hin. Das Essen ist richtig, richtig gut! Und erkältet wie wir sind, schmecken wir nichtmal viel. Am Mittwoch wendet sich aber das Blatt. Wir wachen auf und sind endlich wieder einigermaßen fit. Wir fahren nach Shoreditch und verbringen den Tag damit, in alle möglichen Vintageläden zu gehen. Ich finde eine Jacke, die ich dringend haben will, bei der ich mir aber nicht sicher bin, ob sie den Zweck einer Winterjacke, nämlich zu wärmen, wirklich erfülle. Ich hadere lange, aber der Verkäufer findet die passenden Worte: "Du solltest sie kaufen." Basti, wahrscheinlich schon genervt von meiner sich dahinziehenden Unentschlossenheit, meint: "Wenn du sie nicht kaufst, kaufe ich sie." Mein Gott, bin ich leicht zu beeinflussen. Wir gehen noch ein Tee trinken, dann fahren wir heim. Heute Abend steht das Derby Croydon Cougars gegen Crystal Palaces Foxes an. Nick fährt uns mit dem Auto hin, Basti und Nick sehen mich beide drei Viertel lang über das Feld schlappen, ohne wirklich Luft zu kriegen. Aber das Spiel ist knapp und ich spiele echt ganz gut, wir verlieren trotzdem. Aber es hat schon viel mehr Spaß gemacht als vor zwei Wochen, und ist das nicht die Hauptsache? Nein, ist es nicht. Mich kotzt es an, dass wir schon wieder verloren haben. Ich denke an Lukas und seine nach wie vor wundervolle Art und Weise, wie er sich mal bei Leuten beim Feiern vorgestellt hat: "Hi ich bin Lukas und ich hasse es zu verlieren." Ganz so schlimm ist es dann trotzdem nicht und ich bin froh, dass ich die Erkältung jetzt wirklich überwunden habe.
Donnerstag frühstücken wir groß, fahren nach Soho, spazieren durch London und sind abends bei Nicola eingeladen. Sie hat ihre Liebe zu Quesadillas entdeckt. Wir essen bei ihr und wagen uns dazu das erste Mal wieder an Alkohol ran. Es gibt San Miguel, spanisches Dosenbier. "Irgendwie importieren die hier das Bier aus den falschen Ländern", merkt Basti treffenderweise an. Wir schmunzeln und freuen uns darüber, dass die Engländer mit einem Bier, das bei uns selbst am dritten Tag eines Festivals noch als "ätzend" angesehen würde, zufrieden sind. Ich genieße es immer unglaublich, in größeren Gruppen zu sein. Und das war schon eine sehr zusammengewürfelte Gruppe: Tom und Lawrence, Nicolas neue Mitbewohner, Nicola, Basti, Toms Bruder und ich. Die anderem gehen auf ein Konzert, wir wissen, dass wir erst am Freitag und Samstag aufs Gas drücken müssen und bleiben bei Nicola.
Nach Shoreditch und Soho will Basti dann doch noch etwas von Londons berühmten Sights sehen. Also gehen wir zu St Paul's Cathedral und laufen von da aus über die Millenial Bridge. Das ist von allen Orten in London, die ich bis jetzt gesehen habe, mein Favorit. Wann immer ich da bin freue ich mich über den Blick von der Millenial Bridge auf St Paul's Cathedral. Dazwischen die Themse, hinter mir Shakespeare's Globe Theater und die Tate Modern. Im Hintergrund die Tower Bridge. Da könnte ich mich stundenlang hinstellen, der Blick wird nicht langweilig. Wir wollen in die Tate Modern gehen, das Londoner Museum für moderne Kunst. Ich habe davon wenig, um nicht zu sagen überhaupt keine Ahnung, finde es aber trotzdem lustig, durch so ein tolles Museum zu schlendern. Vor dem Museum sehe ich die dickste Taube aller Zeiten. Passend sage ich: "Alter, das ist die dickste Taube aller Zeiten." Leider scheint Basti durch die Krankheit etwas stumpf reagieren zu müssen: "Nein, ich habe schon eine dickere gesehen." Basti und ich gestehen uns, dass wir beide in Museen immer sehr schnell sehr müde werden. Es soll wohl ungefähr drei Stunden dauern, sich die verschiedenen Ausstellungen anzusehen. Unter dem Motto "Das geht auch in einer" laufen wir zielsicher durch die Tate Modern. Abends fahren wir dann zu Nicola, glühen vor und gehen auf das Partiboi69 Konzert. Wir machen echt lange und katern den gesamten Samstag durch. Also fast den gesamten Samstag, um 6 Uhr beschließt Nicola bei Tesco ein paar Bier und eine Flasche Sekt zu kaufen und wir glühen vor. In der Fabric ist ein riesengroßes Technoevent, für das wir uns für teures Geld Tickets geholt haben. Eigentlich wollen wir davor in die Kneipe "The Fiddler" zu Some Sprouts gehen, aber wegen Covid fällt das leider ins Wasser. Wir wollen trotzdem hingehen und dann eben die Vorband sehen. Als wir nach Ewigkeiten endlich ankommen, merken wir, dass wir in der falschen Kneipe sind: London ist so fucking riesig, dass es alleine in Nordlondon mindestens vier Pubs gibt, die "The Fiddler" heißen. Als wir dann am richtigen "Fiddler" ankommen, ist die Band schon lange weg. Wir trinken trotzdem noch ein Bier und machen uns auf den Weg in die Fabric. Es ist ein cooler Abend. Ich wache auf, schaue auf mein Handy und sehe nur "15:17 Uhr". Das hat sich doch mal gelohnt.
Morgen fährt Basti wieder und ich muss schauen, was ich mit der zweiten Woche meiner Ferien (oder wie manche Leute schrecklicherweise sagen: mit meinen Restferien) anfange. Aber, da bin ich mir sicher, da findet sich schon was.
Und ach ja: Basti, ich werde dich vermissen <3
War wunderschön mit dir Hase! ❤❤
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