Sonntag, 3. Oktober - Vollgetankt
England ist schon ein süßes Land. Das fällt mir immer wieder auf, besonders aber, wenn ich einige neue englische Vokabeln höre, über die ich mich einfach freue. Diese Woche habe ich mit den 11. Klässlern eine Karikatur beschrieben, in der viele Kinder auf dem Spielplatz sind, alle aber nur auf ihre Handys schauen. Als wir über Spielgeräte auf dem Spielplatz reden - und ja, ich bin mir bewusst, dass das kein wirklich spannendes Thema für Schüler ist, die mir am Montagmorgen sagen, sie wären noch ein bisschen verkatert - erklärt mir ein Schüler das englische Wort für Wippe: "seesaw". Wundervoll, wie ich finde. Und ergibt irgendwie auch Sinn. Weniger Sinn ergibt das Wort für "Fangen spielen": Es heißt nicht etwa "catching" oder "tagging" oder so, nein, es heißt einfach "it". Sollte ich also, warum und wann auch immer, in die Situation kommen, in England mit Freunden Fangen spielen zu wollen, würde ich einfach nur sagen: "Let's play it."
Die Fahrräder, die man sich in der Stadt ausleihen kann, nennt man "Boris Bikes", benannt nach Boris Johnson, der sie während seiner Zeit als Londoner Bürgermeister hier eingeführt hat. "Lollipop man" ist der Schülerlotse und "J-Bug", also übersetzt "kleiner Käfer", nennt man die jüngsten Schüler hier - weil ihre Schulranzen so groß und der Rest ihrer Körper so klein sind und sie deswegen ein bisschen wie Käfer aussehen. Ob die "J-Bugs" sich auch, genau wie Käfer, nicht wieder umdrehen können, wenn man sie auf den Rücken wirft, finde ich eine Frage, die weder angebracht, noch besonders nett ist. Ein Wort, das ich schon kannte, von dem ich aber nicht wusste, dass es hier überbenutzt wird, ist das Wort "sorry". Auf dem Weg aus dem Pub drängen sich drei Jungs an zwei Türen noch schnell in den Pub rein. Alle rempeln mich dabei an, aber entschuldigen sich anschließend höflich dafür. Ich bin das anders gewöhnt, nämlich das man sich nicht anrempelt und sich dann auch nicht entschuldigen muss. Aber was soll's, denke ich mir, und nehme mir vor, irgendwann, vielleicht in der Schule, zu zeigen, wie sehr ich mich an die britische Kultur anpasse.
Die Woche vergeht schnell. Dienstag habe ich Basketballtraining. Es macht Spaß und ich merke, wie gut es tut, beim Sport keine so gezwungenen Gespräche zu führen, sondern mit den Jungs einfach ein bisschen zu quatschen und Basketball zu spielen. Nächste Woche ist unser erstes Saisonspiel. Ich freue mich riesig. Am Mittwoch gehen wir bouldern. Komischerweise muss man zur Boulderhalle mal nicht anderthalb Stunden fahren, sie ist quasi um die Ecke. Mit dem Uber sind es zehn Minuten. Beziehungsweise: Es wären zehn Minuten. Aber ungefähr drei Minuten vor der Boulderhalle müssen wir anhalten. Nichts bewegt sich mehr. Genervt erzählt uns der Uberfahrer, dass das an der Tankstelle neben der Boulderhalle liege. Vor jeder Tankstelle ist nämlich seit ungefähr einer Woche die Hölle los, vorausgesetzt es gibt an ihr überhaupt Benzin. Wirklich, vor jeder Tankstelle bilden sich hier täglich riesige Staus, oder, um es in den Worten von mir durchaus suspekten Leuten zu sagen, es bilden sich riesige Rückstaus. Nick zum Beispiel hat erzählt, er habe nun schon zweimal anderthalb Stunden an einer Tankstelle gewartet, nur um am Ende doch nichts mehr abzubekommen. Ein Freund von ihm sei sogar nach Brighton gefahren, weil es da anscheinend mehr Benzin gibt. Problem an der Sache: Auf der Autobahn ist der Tank leergegangen und sein Auto stehengeblieben. Das passiert hier wohl echt vielen zur Zeit. Für Nick und seinen Kumpel ist das zwar lästig, sie müssen jetzt halt mit dem Bus zur Arbeit fahren, aber mehr auch nicht. Der Uberfahrer erzählt uns aber, dass er echt zu kämpfen hat. Ohne Tank kann er nicht arbeiten und kein Geld verdienen. Er habe schon zwei Nächte an der Tankstelle verbracht, um am nächsten Morgen auftanken zu können.
Tom fasst die Lage Englands relativ knapp und ebenso präzise zusammen: "Vor hundert Jahren hat uns praktisch die halbe Welt gehört und jetzt haben wir nichtmal mehr Benzin." Der Fahrer lacht. Das stimmt, sagt er, und wirft uns aus dem Auto. "Lauft lieber, das geht schneller."
Das mit dem Tank betrifft mich zum Glück nicht, aber ich habe mit anderen, jedoch nicht minder bedeutenden Problemen zu kämpfen, die in der Schule auf mich warten. Zunächst einmal: Meine Tasse ist weg. Ich bin genervt. Ich habe eine der wenigen Tassen aus unserer Wohnung mit in die Schule genommen und sofort verschwindet sie. Zugegeben, vielleicht hätte ich eine auffälligere Tasse mitbringen müssen. Also eine Tasse, von der alle wissen, dass sie jemand bewusst gekauft und mitgebracht hat und kein Allgemeingut ist. Meine Tasse war eine Cadbury's Mini Eggs Tasse, ein Werbegeschenk, ein Tasse, die, so erklärt mir Tom, in jedem britischen Haushalt mindestens dreimal zu finden ist. Ich solle mir eine speziellere Tasse mitnehmen, um sicher zu gehen, dass sie auch wirklich niemand nimmt. Weil ich mir nicht wirklich vorstellen kann, was man unter einer solchen Tasse versteht, suche ich im schuleigenen Geschirrschrank nach Inspiration. Dabei sind mir folgende Exemplare besonders in Erinnerung geblieben:
Nein, denke ich mir. Für so einen Quatsch gebe ich kein Geld aus. Vielleicht finde ich ja irgendwo wirklich eine coole Tasse, die nicht gleich so nerdig aussieht. Ich muss endlich mal ein bisschen seriöser wirken, und vielleicht fange ich damit mit einer ordentlichen Tasse an. Aber egal, genug der Tassen.
Es gibt nämlich ein noch viel größeres Problem. Wie ich einer Mail entnommen habe, ist nächsten Dienstag "Field Day", also Wandertag. Das klingt zwar anstrengend, aber an und für sich erstmal nach einer feinen Sache. Ich als Deutschasssistent werde, so hat mir mein Mentorlehrer zugesichert, auch einer Gruppe zugewiesen, die ich dann auf einen Ausflug begleite. Eine Führung durch Shakespeares Globe Theatre? Toll, das würde mir gefallen. Das ist mit Sicherheit interessant - das macht Toms Gruppe. Ein Besuch im Londoner Zoo? Vielleicht nicht unbedingt meins, aber auch nicht schlecht - das macht Nicks Gruppe. Ich erschaudere, als ich in der Liste neben meinem Namen "Zieh Klamotten an, die schmutzig werden dürfen und wasserfest sind" lese. Mein Event heißt "Community Action: Keep Britain Tidy". Meine Gruppe geht Müll sammeln in Croydon. Was für ein Scheiß. Wer kommt denn auf so eine Idee? Würde ich mittlerweile Namen des Schulleiters und den Ort seines Büros wissen, würde ich ihn fragen, was dieser Blödsinn denn soll. Welcher Schüler hat denn Bock auf sowas? Viel schlimmer noch, welcher Lehrer hat denn Bock auf sowas? Und was bitte soll "Keep Britain Tidy" heißen? Das würde ja bedeuten, Britain, und in unserem Fall Croydon, wäre bereits sauber und wir müssten es sauber halten. Und das ist noch größerer Blödsinn als die Idee, mich mit 14 Schülern Müll aufsammeln zu lassen. Croydon ist schmutzig. Auf dem Weg zum Bus (vielleicht 2 Minuten zu Fuß) könnte ich bestimmt an drei verschiedenen Stellen eine alte Packung Chicken Wings auf einen Müllhaufen werfen und Leute würden mich fragen: "Oh, nur eine?" Aber egal. Runterkommen, Theo. Ich werde ja eh nicht gefragt.
Gefrustet beschließe ich am Freitag, mich zu betrinken. Den Briten werde ich zeigen, wie man tankt, denke ich mir. Ich treffe mich mit Joe, Nicola, Adam, Frazer und ein paar Freunden von Joe, die ich noch nicht kenne. Wir gehen nach Brixton und sind da in einem recht coolen Pub, von da aus geht es weiter ins Phonox, da soll guter Techno laufen, sagen zwei Jungs, die wir im Pub treffen. Die Musik ist in Ordnung, aber die Stimmung echt cool. Und wenn die Stimmung gut, die Musik aber nur okay ist, ist es im Raucherbereich immer am Lustigsten. Es ist ein cooler Abend, ich falle irgendwann um 5 erschöpft auf Joes Couch. Samstag gehen wir ein bisschen verkatert in die Tate Modern. Das ist echt lässig hier, alle Museen sind umsonst. Sonntag schauen wir beim Londoner Marathon zu. Wir stellen uns zwischen Westminster Abbey und Buckingham Palace, es sind noch 1000 Meter bis zum Ziel für die Läufer. Es macht unglaublich Spaß, zu brüllen und alle anzufeuern. Ich merke, wie sehr ich endlich mal bei so einem Lauf mitmachen will.
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