Sonntag, 31. Oktober - Der Eisläufer an der Overgroundstation
Heia. Da schaue ich auf das Datum und merke: Zwei Monate sind schon rum. Gerade die ersten zwei, drei Wochen habe ich fast täglich die Wochenenden gezählt und mir aus Heimweh Sachen vorgestellt wie "Okay, Theo, noch viermal ein neues Shampoo kaufen, dann sieht die Welt schon anders aus." Viermal neues Shampoo kaufen klingt nämlich deutlich angenehmer als achteinhalb Monate. So ist es aber zum Glück nicht mehr. Ich fange an, die Sachen hier richtig genießen zu können.
Montag früh wache ich auf und frage mich, was ich jetzt mit dieser freien Woche, die vor mir liegt, anfangen soll. Ich frage Sam, ein anderer Sportlehrer, ob er mit ins Fitnessstudio gehen will. Ich weiß, das ist nicht unbedingt das spannendste der Welt, und ich bin auch kein wirklicher Fan davon, ins Fitnessstudio, oder wie es leider manchmal eingedeutscht wird, ins "Gym", zu gehen. Aber ich denke, dass es nach einer Woche nur rumliegen und krank sein mal ein ganz guter Start in eine neue, frische Woche sein kann. Anschließend gehe ich zu Sam und erlebe einen sehr britischen Nachmittag. Draußen regnet es, er bietet mir einen Tee an, wir spielen eine Runde Darts, dann schauen wir ein bisschen Cricket. Es ist der Weltmeisterschaftskracher zwischen Afghanistan und Schottland. Die Engländer sind momentan hin und weg und alles ist auf Cricket gestimmt. Ich habe es mittlerweile aufgegeben, nach den genauen Regeln zu fragen. Zu oft schon haben es mir Leute versucht zu erklären. Entweder habe ich es nicht verstanden oder die Leute - ob Schüler, Lehrer, Mitbewohner, wer auch immer - waren schlicht nicht in der Lage, den Sport genau zu beschreiben. Man kann wohl nur bei gutem Wetter spielen, manche Spiele dauern mehrere Tage, und, was ich seit Montag weiß, es ist nicht "wie Baseball". Das weiß ich, weil ich zu Sam schmunzelnd sage: "Eigentlich ist das doch Baseball, oder?" Entrüstet, nein, ich übertreibe nicht, fast wütend schaut er mich an und entgegnet, jeden Konsonanten besonders stark betonend: "No, it is not baseball." Ich zucke erschreckt zurück. Die Heimspielniederlage im Darts scheint dem guten Mann nicht so gut getan zu haben.
Am Dienstag treffe ich mich mit Ali, wir laufen durch Brixton und gehen Basketball spielen. Ich mag das an Brixton. Es ist ein sehr hipper, belebter Stadtteil, trotzdem gibt es viele Parks und Grünflächen. Abends habe ich dann noch Training. Ich fühle mich nach dem Training unterzuckert und gehe zu Tesco. Eigentlich will ich mich jede zweite Woche vegan ernähren, merke aber, dass die Haribos, die ich mir nach dem Training gekauft und in Rekordzeit, dennoch aber genüsslich verschlungen habe, ja nicht vegan sind. Alles nicht so leicht. Wie dem auch sei, ich schlafe mit einem leicht nervösen Gefühl ein. Am Mittwoch habe ich nämlich eine Art Date. Über bumble habe ich mich mit Charlie, einem Australier, der auch erst vor kurzem nach London gezogen ist, verabredet. Ich habe keine Ahnung, wie das wird. Meine Fähigkeiten zu smalltalken fühlen sich momentan eingerostet an. Ich treffe mich wirklich mit jemandem aus einem komplett anderen Land, wir haben uns noch nie gesehen und ich denke mir, da, lieber Theo, ist es okay, ein bisschen nervös zu sein. Ich frage mich, was ich anziehen soll. Lustig, denke ich mir, es fühlt sich echt ein bisschen wie ein richtiges Date an. Kreativ wie mein Klamottenstil nunmal ist, entscheide ich mich für eine blaue Jeans, einen dunklen Hoodie, dessen nur schwierig zu übersehender Pestofleck mir erst in der U-Bahn auffällt, und weißgraue Asics. Wir treffen uns in Shoreditch und schlendern ein bisschen durch die Gegend. Es macht Spaß und wir verstehen uns wirklich gut. Als wir gegen drei Uhr ausgeschlendert haben, kommen wir darauf, dass man sich ja auch durchaus mal um diese Uhrzeit in einen Pub setzen, zwei Pints bestellen und diese dann im Innenhof trinken könne. Irgendwie cool, denke ich mir bei Bier numero 2, dass Charlie nicht fest arbeitet und ich dadurch vielleicht mal jemanden kenne, mit dem ich mich dann mehr als Student als als Lehrer fühle. Mit dem Gedanken, in zwei Stunden ja noch ein Basketballspiel zu haben, lehne ich das nächste Bier dankend ab. Wir verabschieden uns und verabreden uns für nächste Woche. Ich muss gestehen, dass ich das Bier in der ersten Halbzeit trotzdem noch leicht merke. Ähnlich schlecht spiele ich auch. Wir spielen wieder gegen Crystal Palace, dieses Mal aber im Pokal. In der zweiten Halbzeit bin ich dann aber echt gut, ärgere mich ein bisschen über mich selber. Am Ende verlieren wir mit ungefähr zehn Punkten. Bevor ich wieder nach Deutschland fahre will ich unbedingt ein Spiel gewonnen haben. Das muss sich großartig anfühlen.
Donnerstag hänge ich in Nicolas Wohnung ab. Ihre WG ist der Inbegriff einer Corona-WG. Aus jedem Zimmer hört man Leute, die gerade von daheim aus arbeiten. Obwohl, wirklich arbeiten kann man das nicht nennen. Ich sitze in der Küche und versuche, irgendwie rauszufinden, welche Art Coronatest man für Belgien braucht, aber alle paar Minuten kommt jemand rein, um sich was zu essen zu holen, einen Tee zu machen und so weiter. Irgendwann spielen Tom und Lawrence, beide gepackt vom Cricketfieber, Cricket im Flur, Nicola macht sich dabei den siebenundzwanzigsten Toast. Ich muss schmunzeln. Kein Wunder, dass es mit der britischen Wirtschaft nach unten geht. Als Nicola fertig ist, machen wir uns auf die Suche nach einem Halloweenkostüm. Wir sind am Freitag bei ihrem Bruder auf einer Halloweenparty eingeladen. Ich weiß nicht, wann ich mich das letzte Mal richtig verkleidet habe. Das letzte Mal richtig verkleidet gefühlt habe ich mich wahrscheinlich im Februar bei meiner Abschlussprüfung im Eislaufen, aber das Kostüm kommt für mich nicht infrage. Weil ich in den zwei Monaten, die ich hier bin, noch keinen gruseligeren Ort gesehen habe, als die London Overground Station West Croydon, entscheide ich mich dafür, mich als diese zu verkleiden. Das passt, finde ich. Auf der Feier kriege ich dafür auch wirklich das ein oder andere Kompliment. Freitag gehe ich mit Henry, den ich hier glaube ich auch manchmal Harry genannt habe, bouldern. Ich habe schon das Gefühl, ein bisschen besser geworden zu sein, seit ich das erste Mal bouldern war. Gut bin ich natürlich noch lange nicht, aber es macht immer noch echt Spaß. Ich fahre heim und von da aus zum Bahnhof. In einem überfüllten Zug fahren Nicola und ich nach Birmingham. Von der Stadt kriege ich leider nicht so viel zu sehen, aber die Feier ist ganz cool. Ich muss echt aufpassen, beim Weggehen gefällt es mir zur Zeit bei den Rauchern am Besten.
Achso, eins noch zu Halloween: Am Donnerstag auf dem Weg nach Hause sehe ich eine U-Bahn Linie mit einem wahnsinnig passenden Namen:
Der Rest des Wochenendes besteht aus joggen und spazieren gehen, netflixen, lesen und mich auf die nächste Schulwoche vorbereiten. Morgen geht es wieder los. In sechs Wochen sind dann verrückterweise auch schon Weihnachtsferien. Am Freitag fragt mich Henry, ob ich mir denn vorstellen könne, für immer Lehrer zu sein. Über die Frage denke ich seitdem immer wieder mal nach. Ich weiß nicht, denke ich mir. Ich finde es auf der einen Seite überhaupt nicht nervig, morgen wieder arbeiten zu müssen. Auf der anderen Seite finde ich viele Vorstellungen mit "für immer" ein bisschen gruselig. Zum Beispiel kann ich ganz sicher sagen, dass ich weder Lust noch Verlangen habe, einen Ballermann Urlaub auf Malle zu machen. Trotzdem: Die Vorstellung, niemals auf den Ballermann zu fahren ist schon auch komisch, wenn man das irgendwie verstehen kann. Naja, aber für solche Fragen ist hier nun wirklich kein Platz und damit will ich niemandem auf die Nerven gehen.
Samstagabend bin ich bei einer Hausfeier eingeladen, aber ich bin einfach zu müde und verkatert dafür. Ich sage die Feier ab und merke erst dann, was das eigentlich für ein cooles Gefühl ist, mal etwas abzusagen, um Zeit für sich zu haben. Ich bin nicht mehr so alleine wie in den ersten Wochen, merke ich. Das fühlt sich echt schön an. Und das Allerschönste: Nächstes Wochenende treffe ich mich mit Elisa in Brüssel.
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