Sonntag, 14. November - Head of Flu & Kulturstunde

Ich weiß auch nicht, was mit meinem Körper los ist. Ich bin schon wieder erkältet und habe Fieber. Seit drei Wochen ist es ein auf und ab und ich bin echt genervt davon. Tom und Nick sagen, dass es doch klar ist, bei der Londoner Luft könne sich das Immunsystem garnicht erholen. Nicht umsonst ist der Spitzname der Stadt "The Smoke", oder sogar "The Big Smoke", benannt nach der Luftverschmutzung in der Hauptstadt. Aufmunternderweise meint Tom, er wäre praktisch das gesamte erste Schuljahr als Lehrer krank gewesen, weil er es nicht gewohnt war, mit so vielen verschiedenen Schülern, die alle möglichen Keime und Viren mit sich rumschleppen, in einem Klassenzimmer zu sitzen. Und mein Klassenzimmer ist auch noch so klein, dass es den Namen "Klassenzimmer" eigentlich garnicht verdient. Ich nenne es aber trotzdem so, weil mir ein anständiges Synonym für "Klassenzimmer" noch nicht eingefallen ist. Egal, an was meine Erkältung nun liegt, für mich steht fest: Ich muss mich mal wirklich erholen und schonen. 

Es passiert also nicht viel. Daheim liege ich nur rum und trinke einen Tee nach dem nächsten und in der Schule sitze ich nur rum, trinke aber auch einen Tee nach dem nächsten. Am Donnerstag ist Remembrance Day. Am Remebrance Day wird der Kriegsopfer der Weltkriege gedacht. Während der gesamten Woche sieht man überall sogenannte "Poppies", also auf Deutsch "Mohnblumen". Lehrkräfte und Schüler tragen sie an ihren Anzügen, Fußballspieler auf ihren Trikots, Zäune an ihren Latten und sogar Busse und U-Bahnen an ihren Frontscheiben. Alle Gebäude sind mit Poppies geschmückt, überall sind kleine Stände, an denen man sich entweder Stoff-, Plastik- oder Metall-, manchmal auch echte Mohnblumen, kaufen kann. Es ist eine riesige Spendenaktion. Die Poppy wurde zum Symbol des Remembrance Days, weil sie nach dem ersten Weltkrieg überall auf vielen ehemaligen Schlachtfeldern wuchs. Berühmt wurde die Mohnblume durch das Gedicht "In Flanders Fields" von John McCrae. Ein Englischlehrer an der Schule sagt mir, ich müsse es dringend lesen, es sei eines der bedeutendsten, schönsten und gleichzeitig traurigsten Gedichte der englischen Sprache. John McCrae schrieb es mitten im ersten Weltkrieg, nachdem ein Freund von ihm bei einem Granatenangriff auf dem Schlachtfeld getötet wurde. Mein Englisch ist zu schlecht, um wirklich was mit englischen Gedichten anfangen zu können, aber trotzdem: Es war es auf jeden Fall wert, zu lesen! 




Corona ist hier übrigens wirklich kein Thema mehr. Man hat echt das Gefühl, dass die Briten zur Zeit andere Probleme haben. Viele Supermarktregale sind immer noch leer, weil es noch nicht genügend LKW-Fahrer gibt. Ich würde echt gerne mal wieder Knoblauch kaufen, aber den scheint es in Croydon einfach nicht zu geben. Trotzdem teste ich mich die Woche jeden Tag und bin jedes Mal aufs Neue erleichtert, nicht in Quarantäne gehen zu müssen. 

Eine Sache, die mir hier an der Schule auffällt, ist, dass es viele Jobbezeichnungen gibt, die wahnsinnig verschönert dargestellt werden. Als ich das erste Mal eine Mail von einer Sekretärin der Schule bekommen habe, stand unter ihrem Namen "Head of Bursary". Ich war eingeschüchtert. Am Montag öffne ich eine Mail von Tom, darunter steht "Head of Strength and Conditioning", und sogar Nick, der Aushilfssportlehrer ist und eine Basketballmannschaft (ein Mal die Woche für 60 Minuten) trainiert, hat die Jobbezeichnung "Head of Basketball". Alle, die hier irgendwie angestellt sind, sind "Head", also "Chef" von irgendwas. Es gibt sogar, und ich lüge nicht, einen Chef der Parkplatzüberwachung. Ich finde das ein bisschen übertrieben. Ich, als einziger Deutschassistent der Schule, stelle mich ja auch nicht vor mit "Theodor Güttler, Head of German Assistance". Obwohl, als ich es ausgeschrieben sehe, finde ich es schon schick. Also: Ich nehme mir fest vor, nächste Woche im Büro des Schulleiters, also des "Head of School" anzuklopfen und zu sagen, dass ich auch gerne "Head" wäre. Dann wiederum könnte es aber zu der problematischen Situation kommen, in der er merkt, dass mir sein Name nach wie vor ein Rätsel ist. 

Die Woche vergeht so vor sich hin, ich bin wahnsinnig genervt, dass ich krank bin und nichts machen kann. Dementsprechend wenig gibt es auch, über das ich hier schreiben kann. Freitag merke ich, dass ich zwar ein hilfsbereiter und netter, gleichzeitig aber auch ein relativ nutzloser Mitbewohner bin. Als ich einkaufen gehe, frage ich Tom, ob ich ihm denn was mitbringen könne. "Oh perfekt", meint er. Er wolle gerade das Kochen anfangen, ihm fehlen aber noch Tomaten. "Klar", meine ich. Das kann ich machen. Warum auch nicht? Es ist kein riesengroßer Aufwand, denn wenn ich eh schon im Laden bin, kann ich ja auch gleich Tomaten mitbringen. Aber natürlich: Als ich zu Hause ankomme und meinen Rucksack mit Einkäufen ausräume, verstehe ich nicht, warum mich Tom so erwartungsvoll anschaut. Natürlich habe ich die Tomaten vergessen. Naja. Samstag geht es mir wieder besser und Alan, Nicola, Charlie und ich gehen Feiern. Vielleicht bewahrheitet sich Bastis Weisheit ja diesmal und ich muss die Krankheit praktisch "ertrinken". 

 

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