Sonntag, 21. November - Ein rechter Fuß
Die Woche geht ganz gut los. Ich sitze auf dem Fahrrad und vor mir hält ein Auto an der Ampel an, der Fahrer steigt aus, läuft zum Kofferraum und kramt ein bisschen rum. Es gefällt mir, wie ungestresst er das Ganze macht. Er wünscht mir einen guten Morgen und fragt mich, wie es mir gehe. "Gut", sage ich. "Ein bisschen müde." "Me too", sagt er und grinst. Die Ampel ist schon längst wieder grün. Er nickt mir zu und setzt sich wieder ins Auto, ich freue mich über diesen kleinen Moment.
In England laufen kleine Begegnungen, zum Beispiel im Flur in der Schule oder eben anscheinend auch auf der Straße ein bisschen anders ab. Man sagt nicht nur "Hallo", sondern fragt sich gleichzeitig auch im Vorbeigehen, wie es denn gehe, was gerade los und ob alles klar sei. Hier ein kleines Beispiel, wie so eine Konversation normalerweise abläuft: "Hey" - "Hey, how are you?" - Not too bad, how about yourself?" - "Oh, really good, thanks." Was mich an diesen Unterhaltungen amüsiert, ist, dass man sie wirklich nur im Vorbeilaufen führt, meistens sieht man sich nur beim "Hey", den Rest redet man vor sich hin und ist schon längst weitergegangen. Dadurch, habe ich zumindest das Gefühl, spart man sich dieses blöde Mundwinkelverziehen, dass sich zu viele Leute bei jedem Job, den ich je hatte, angewöhnt haben. Zur Zeit ist das aber in vielen Fällen anders. Wenn ich frage, wie es so geht, ist die Antwort vieler: "Oh, es ist gerade so stressig" oder "Ganz gut, habe aber so viel zu tun". Das verwundert mich immer ein bisschen. Alle, wirklich alle, meinen, wie stressig es denn momentan wäre. Ich reagiere dann natürlich verständnisvoll: "Ich weiß, was du meinst", "Der November geht einfach nicht rum" oder "Ich kanns nicht abwarten, Ferien zu haben, damit der Stress rum ist" haben sich zu meinen Standardantworten etabliert. Was die anderen Lehrer aber nicht wissen: Das ist ein riesengroßer Bluff. Mein Job ist vieles, aber auf keinen Fall stressig. Ich bin wirklich weit davon entfernt, gestresst zu sein. Ich arbeite vier Tage die Woche und habe jeden Tag bestimmt dreieinhalb Stunden Pause, in denen ich mich frage, ob ich jetzt einen Kaffee trinken gehe, ein bisschen lese, durch YouTube scrolle oder doch sogar ins Fitnessstudio gehe. Wenn mir dann aber nach einem Kaffee und einem Stück Kuchen ein Lehrer entgegenkommt, der mir sagt, er wäre so gestresst und wisse nicht, wohin mit sich, naja, dann sage ich natürlich, dass es mir genauso gehe. Und manchmal glaube ich mir diese Lüge dann wirklich, gehe schnell in mein Klassenzimmer, öffne meinen Laptop und merke, dass ich nur noch eine Stunde habe und morgen erst um halb 11 bei der Arbeit sein muss. Hoffentlich merken die mir das nicht an.
In der Schule ist es weiter ganz lustig. Es ist schon nervig, dass man jede Stunde immer vorbereiten muss, aber im Großen und Ganzen passt eigentlich alles. Und einige meiner Schüler sind einfach lustig. Ein Schüler aus der Oberstufe, der im Zuge seiner Projektarbeit einen wöchentlichen Deutsch-Socialclub aufmachen will, will diesen Club unbedingt "der Führer" nennen. Als ich ihm sage, dass ich mir sicher bin, das würde so nicht hinhauen, fragt er mich enttäuscht, ob er wenigstens sich den Spitznamen "Führer" geben könne. Aber das verbietet ihm ein anderer Lehrer. Ein Neuntklässler besitzt die Frechheit, mich in einer nervigen und lauten Stunde zu fragen, warum ich denn als Oberstufenschüler schon selber Unterricht gebe. Das Gute an meinem Job ist, dass die meisten Deutsch garnicht so richtig verstehen, also sage ich nur genervt: "Ach halt doch dein Maul." Trotzdem: Ich denke echt, dass die Schüler mich und meinen Unterricht nach wie vor mögen. Einer 6th Former meint sogar, meine Stunde wäre die beste Stunde der Woche. Ich fühle mich geschmeichelt und bilde mir ein, es läge an dem guten und interessanten Unterricht und nicht daran, dass die Schüler denken, ich wäre 18 und müsse nicht ernst genommen werden.
Weil ich mich Ende der Woche schon besser fühle, will ich am Freitag Fußball spielen gehen. Ich brauche dringend neue Fußballschuhe und laufe in die Croydoner Innenstadt und gehe zu SportsDirect. Die Auswahl ist dürftig und der Laden, wie so viele andere Läden in Croydon, echt heruntergekommen. Und das obwohl SportsDirect eine riesengroße Kette in England ist. Es gibt, zumindest in Croydon, keinen einzigen kleinen, unabhängigen Sportladen. Ich finde ein Paar, das mir passt, und mache den Karton auf. Problem an der Sache: Da ist nur ein Schuh drin. Ich öffne zwei andere Schuhkartons und sehe wieder nur jeweils einen Schuh. Ich gehe zu einer Mitarbeitern und frage sie, ob ich denn den anderen Schuh, also praktisch den Bruderschuh, haben könne. "Oh", stammelt sie, das ginge leider nicht. Ich frage sie nach den zwei anderen Schuhen und bemerke dann, dass immer nur die Schuhe übrig sind, die einen Magneten haben, der sie vor Diebstahl beschützen soll. Die anderen Schuhe, ohne Magnet (und diesen Gedanken bestätigt die Verkäuferin mir) werden alle regelmäßig geklaut. "Oh", stammel jetzt auch ich. Aus Mitleid will ich dann zumindest den einen Schuh kaufen, überlege es mir dann aber doch anders. Das wäre aus meiner Sicht zwar sehr nett, würde mich aber nur bedingt näher an mein Ziel, neue Fußballschuhe zu haben, bringen. Croydon ist schon echt kaputt. Zum Glück finde ich, wenn auch in einem anderen Laden, doch noch passende Schuhe. Als ich sie mir am Fußballplatz anziehe, merke ich, dass ich wenige schönere Gefühle kenne, als sich vor einem Spiel die Fußballschuhe zu schnüren.
Freitag gehen wir in Shoreditch feiern. Ich fühle mich wieder gesund, trinke aber eigentlich trotzdem nichts und habe einen ziemlich coolen Abend. Irgendwie lässig, denke ich mir. Am Anfang hat es lange gedauert, auf einer anderen Sprache mit Leuten ins Gespräch zu kommen, und Alkohol hat da, wenn ich ehrlich bin, schon geholfen. Mittlerweile ist das aber einfach kein Problem mehr und fällt mir sehr leicht. Irgendwann landen wir alle auf Charlies Dachterrasse. Am nächsten Tag dann: Leicht verkatert Rugby und Fußball in gemütlichen, englischen Pubs schauen. Wie wunderbar.
P.S.: Um zu zeigen, dass in England trotzdem nicht alles schön ist, hier noch ein Bild von einem dicken, sabbernden Hund in der Londoner U-Bahn: (ich hoffe, man erkennt den Sabber)
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