Sonntag, 28. November - "No sun and downhill, lads!" oder: Kaltes, kaltes England

Es ist Winter in England. Als ich am Montag aufs Fahrrad steige (und ich schreibe hier ganz bewusst, dass ich mich nicht aufs Fahrrad schwinge, denn das ist mit einer Anzughose schlicht nicht möglich) merke ich, wie eiskalt es geworden ist. Das nervt mich, denn eine richtige Winterjacke habe ich noch nicht. Ich hätte eigentlich nicht mal Handschuhe, aber als wir im Oktober mit der Schule Müll sammeln waren, habe ich, vorausschauend wie ich es nunmal bin, ein Paar der uns zuvor ausgeteilten Arbeitshandschuhe mitgenommen. Zumindest sind also meine Hände nicht kalt. Jedenfalls nicht so kalt wie ohne Handschuhe, ein bisschen kalt sind sie trotzdem, weil meine Hände aus irgendeinem Grund im Winter immer kalt sind, vielleicht wegen zu schlechter Durchblutung, weswegen ich mich seit zweieinhalb Wochen in jeder Mittagspause durch einen Teller Rote Bete quäle, vielleicht aber auch aus einem anderen, mir unbekannten Grund, vielleicht, merke ich gerade, ist es aber auch gänzlich uninteressant, warum ich nun kalte Finger habe, vor allem, wenn diese, wie ich eben erwähnt habe, aufgrund der Handschuhe gar nicht mal so kalt sind. 

Als ich in meinem Klassenzimmer ankomme, stelle ich zu meinem Entsetzen fest, dass irgendein Arsch (und das bedeutet in dem Fall ziemlich sicher: ich) beide Fenster das gesamte Wochenende offen gelassen hat. In dem Zimmer ist es eisig, ich kann meinen eigenen Atem sehen. Mir bleibt praktisch nicht anderes übrig, als mich über die Schulregeln hinwegzusetzen und den Schülern zu erlauben, ihre Jacken über ihren Blazern tragen zu dürfen. Im Zwiebellook vergehen die ersten drei Schultage der Woche, erst dann ist mein Zimmer wieder einigermaßen warm. Mit der 10. Klasse spreche ich gerade über Berufe. Ich teile den Schülern verschiedene Bilder mit verschiedenen Berufen aus. Eine Richterin, ein Arzt, eine Bäckerin und ein Koch. Die Schüler sollen die Bilder beschreiben und so weiter, das ist aber nicht das Spannende und Unterhaltsame an der ganzen Geschichte. Das Lustige ist, dass die Engländer große Probleme mit dem deutschen Laut "ch" haben. Meistens klingt das dann eher einfach nach einem "ck". Wenn dann ein Schüler sagt, dass er sich nicht vorstellen könne, mal ein Bäcker zu werden, aber ein "Kock", das wäre er gerne, dann verstehe ich, dass die Klasse aus dem Lachen nicht mehr rauskommt. Wenn mein Banknachbar in der Schule, zum Beispiel in dem stinklangweiligen Berufsfindungsseminar in der 11. Klasse, gesagt hätte, er würde gerne "Pimmel" werden, dann ist das eben lustig. Die Schüler freuen sich riesig über solche Wörter. So klingt zum Beispiel der "Vater" für die Engländer wie der "Furzer" und das ist für 10. Klässler (und ehrlich gesagt auch für mich) nicht nur lustig, sondern gibt sogar, wie ein Schüler meint, ein bisschen Sinn. Als ich Tom, Lawrence und Nicola davon erzähle, meint Tom, die Engländer können die deutsche Fußballnationalmannschaft nicht mehr ernst nehmen, seit sie sich, und das betont er, freiwillig und selbst, "Die Mannschaft" genannt habe. Jetzt finde ich den Namen "Die Mannschaft" noch lächerlicher und lustiger als ohnehin schon, weil ich weiß, dass die Fußballfans in Großbritannien den Namen in die Teile "man" und "shaft" zerlegen und sich dann genüsslich darüber amüsieren. Da soll mal noch jemand sagen, die deutschen haben kein Humor.

Leider passiert diese Woche sonst nicht sehr viel. Seit drei Wochen habe ich immer wieder plötzlich Fieber und weiß auch nicht wirklich, was genau los ist. Das ist, vor allem, wenn man sich so viele Pläne für die Wochen macht, ziemlich frustrierend. Das Wochenende verbringe ich also eigentlich komplett im Bett. Ich bin wütend, weil ich die letzten Wochen so oft Sachen absagen musste, weil ich krank war. Ich habe das Gefühl, seit einem Monat keinen Basketball mehr in der Hand gehabt zu haben. Ich bin sauer auf England, weil es so wahnsinnig kompliziert ist, einen Arzttermin zu bekommen. Ich telefoniere am Freitag stundenlang mit Manu und Viola und beruhige mich ein bisschen. Und ich versuche, das Beste aus der Sache zu machen. Ich melde mich für den Halbmarathon in Regensburg im Mai an. Und weil ich sonst, wenn ich genervt bin, Sport mache, beschließe ich, einfach beim Sport zuzuschauen und spaziere am Sonntagmorgen bei strahlendem Sonnenschein zu den Purley Playing Fields. Da sind jeden Sonntag Sunday League (also Amateurfußball-)spiele. Ich stelle mich an den Spielfeldrand und schaue bei einem Spiel zu. Die Playing Fields sind riesig, praktisch ein Festivalgelände, auf denen Sonntags ganz viele Fußballfelder abesteckt und aufgestellt werden, die mal recht gerade und flach, meistens aber ziemlich uneben sind. Und es ist herrlich. Ich stehe am Spielfeldrand, schaue den Mannschaften beim Kicken zu und lasse mir die Sonne ins Gesicht scheinen. Immer, wenn sich das Spiel in meine Richtung verlagert, spüre ich diese kindliche Hoffnung, dass der Ball durch einen Fehlpass zu mir an die Außenlinie rollt, ich ihn dann stoppen und cool wieder zurück zum Einwerfer passen kann. Früher habe ich das immer gewollt, um den älteren, coolen Spielern zu zeigen: "Schau mal, passen kann ich auch." Und ich merke, wie ich mich überhaupt nicht verändert habe. Ich stehe in der Nähe des einen Trainers. Er ist die ganze Zeit drauf und dran, sich eine Kippe anzuzünden, wartet damit aber auf seine Spieler und die Halbzeit. Die Halbzeit dauert dann genau eine dreiviertel Zigarette lang. Mindestens fünf Spieler nehmen ihre Kippe mit aufs Feld, ziehen noch zwei, dreimal, dann wird wieder angepfiffen. Hoffnungsvoll feuert der Kapitän seine Spieler an. Die zweite Halbzeit gehört ihnen. Jetzt spielen sie mit der Sonne und bergab. "Let's go!", ruft er. "No sun and downhill, lads!". Irgendwann rollt der Ball dann wirklich zu mir. Ich stoppe ihn sicher und spiele ihn dann, leider ein bisschen zu kurz, zurück. Trotzdem: Ich kann zufrieden nach Hause gehen.




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