Sonntag, 7. November - Die Stadt der 60-jährigen Männer

Zunächst einmal: Ich glaube, mein Mitbewohner ist genervt von mir. Je wohler ich mich irgendwo fühle, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass ich wahl- und sinnlos durch die Wohnung laufe und zusammenhangslose Wörter auf Spanisch rumbrülle und irgendwelche Fragen stelle, die überhaupt keinen Sinn ergeben. Problem Nummer eins: Ich spreche eigentlich garkein Spanisch. Problem zwei: Nick und Tom, also meine Mitbewohner, auch nicht. Problem nummero drei: Ich glaube, ich weiß nicht, wann Schluss ist. Tom macht es normalerweise richtig: er schmunzelt ein bisschen, ignoriert mich aber eigentlich. Nick ist da anders. Er schaut mich wahnsinnig wütend an. Als ich weitermache, stöhnt er auf, legt den Xbox-Controller zur Seite und geht aus dem Zimmer. Ich weiß nicht wirklich, wie ich drauf reagieren soll, und ob er wirklich so genervt von mir ist, wie er es mir zeigt, also denke ich mir einfach nur: "Hm".

Ich lasse die Woche langsam angehen. Mittwoch treffe ich mich mit Charlie in Shoreditch zum Champions League schauen. Wir gehen in einen Pub und trinken ein paar Bier. "Ein paar Bier trinken" ist in London übrigens, wie ich herausgefunden habe, ein Luxus. Ein Bier in einer Kneipe kostet hier eigentlich immer mindestens 6 Pfund, meistens aber 6,50. Nun kenne ich den Bierindex anderer englischen Städte nicht, bin aber trotzdem davon überzeugt, dass man 6 Pfund 50 für ein maximal durchschnittliches Bier problemlos als "Wucher" bezeichnen könnte. Nach fünf Bier und 40 ausgegebenen Euros spazieren wir noch durch Shoreditch. So albern das nach 9 Wochen auch klingen mag, aber Shoreditch ist mein absoluter Lieblingsstadtteil. Und ich verstehe mich wahnsinnig gut mit Charlie, was mich auch sehr freut. Als ich am Donnerstag in der Schule bin, habe ich das Gefühl, eine kleine Fahne mit mir rumzuschleppen und frage die ersten beiden Schüler, die ich sehe, nach einem Kaugummi. Die Suche verläuft ziemlich erfolglos. "Weißt du nicht, das Kaugummis hier verboten sind?", fragt mich einer der beiden. "Ja und", denke ich mir, bin aber natürlich zu feige, um das auch wirklich zu sagen, auch weil ich weiß, dass ich davon auch kein Kaugummi kriege. Zum Glück habe ich meine Sachen für Brüssel schon mit in die Schule genommen, also esse ich ein bisschen Zahnpasta und hoffe, dass mich niemand durch das Türfenster meines Klassenzimmers dabei sehen kann. Der Schultag vergeht schnell. In der Mensa lasse ich es mir mal wieder gut gehen und esse ein 3-Gänge Menü. Völlig verrückt, was da immer aufgetischt wird. Nach der letzten Stunde muss ich mich beeilen, ich habe nur anderthalb Stunden bis zum Check-In am Bahnhof St. Pancras und weiß mittlerweile über London: Egal von wo nach wo, überall braucht man eine Stunde hin. Ich bin gespannt, eigentlich eher schweißgebadet, weil ich nicht weiß, ob die mich da reinlassen. Belgien hat strenge Coronaregeln für Leute, die von außerhalb des Schengenraums und der EU kommen. Und wie man vielleicht mitbekommen hat, trifft auf das Vereinigte Königreich beides zu. Kurz bevor ich in den Zug in Croydon steige, kriege ich eine Mail, die mir mitteilt, dass ich in Belgien in Quarantäne gehen müsse, bis ich ein negatives Testergebnis habe. Ein riesen Hin und Her, denke ich mir, denn auf der UK Seite habe ich noch gelesen, dass man nicht in Quarantäne gehen muss, wenn man ein negatives Testergebnis vorweisen kann. Deswegen habe ich am Dienstag auch einen PCR Test gemacht. Stolz zücke ich mein negatives Testzertifikat und versuche es allen möglichen Angestellten von Eurostar und der Grenzpolizei ins Gesicht zu wedeln. Nur: niemand will es sehen. Oder in anderen Worten: Der Test war umsonst. "Umsonst" allerdings nicht im Sinne von "kostenlos" oder "gratis", nein, der Spaß hat mich 100 Pfund gekostet, "umsonst" im Sinne von "für die Katz" (oder wie manche Leute in Sprichwörtern komischerweise sagen: für die sprichwörtliche Katz).

Nachdem sich also niemand für meinen Test interessiert hat, steige ich in den Eurostar nach Brüssel. Ich bin gespannt, wie es ist, durch den Tunnel zu fahren, verschlafe aber eigentlich den größten Teil des Tunnels und lasse mir sagen, dass es auch nicht weiter spannend wäre, da hindurch zu fahren. Komischerweise gibt es am Bahnhof Brüssel Midi keinen Bereich, an dem die Eurostars ankommen, es gibt also auch keinen richtigen Empfangsbereich. Man kann auch nicht rausfinden, an welchem Gleis die Züge aus England ankommen. Und obendrein ist der Bahnhof wahnsinnig unübersichtlich und einem Labyrinth durchaus ähnlich. Zwei Standorte, drei Telefonate und zig Whatsapp-Nachrichten später finden Elisa und ich uns dann aber doch endlich.

Relativ schnell (oder genauer: auf dem Weg vom Bahnhof zum Hostel) beschließen wir, dass Brüssel zwar eine ganz nette, doch aber eine ziemlich langweilige Stadt sei, die, laut Elisa, "nur aus 60-jährigen Männern" bestünde. Und sie hat Recht. Auf dem gesamten Weg kommen uns, und ich übertreibe nicht, ausschließlich 60-jährige Männer entgegen. Das Hostelzimmer, das übrigens von einem 60-jährigen Mann geputzt wird und dessen Schlüssel wir von einem anderen 60-jährigen Mann bekommen haben, ist ziemlich verraucht, und ich frage mich, warum uns die 3-Sterne Bewertung auf booking.com nicht abgeschreckt hat. Aber das ist egal. Es ist ein wahnsinnig schöner Abend, wir schlendern noch durch Brüssel, essen Pommes und lassen es uns gut gehen. Als wir wieder ins Hostel kommen, bemerken wir, dass sich in Hostellounge, die etwa den Spirit einer Spielo nachts um drei hat, eine 60-jährige Frau dazugesellt hat. Vor ihr stehen ein paar Dosenbier. Am Samstag schlendern wir von Café zu Café und von einem Waffelladen zum nächsten und fangen abends an, verschiedene belgische Biere zu probieren. Als wir bemerken, dass das erste und zweite Bier jeweils 9% hatten, sind wir schon einigermaßen dabei. Wir machen eine Art Kneipentour durch Brüssel und merken, dass das Bier gut und die Stadt doch nicht so langweilig ist. Wir landen in einem Technoclub und kommen irgendwann gegen vier Uhr heim. Und es tut mir leid, aber ich kann nicht mehr sagen, wie viele 60-jährige die Hostellobby zu dem Zeitpunkt bevölkerten.   




Verkatert wachen wir auf und gehen irgendwann spazieren. Ich kaufe mir einen frisch gepressten Orangensaft und ein Croissant und biete Elisa, der es sichtlich schlechter geht als mir, etwas davon an. "Das tut dir bestimmt gut", sage ich besserwisserisch. Elisa ist genervt und meint, dass sie "die Königin des Katerns" sei und dass sie es als solche nicht abkann, wenn man ihr Katertipps gäbe. Ich finde das eine ulkige Aussage, besonders von jemandem, der noch um kurz nach 1 grün im Gesicht ist, sage aber nichts. Zurück im Hostel macht sich die 60-jährige Frau das vierte Bier auf. 

Wir spazieren durch die Stadt, essen Pommes, kaufen Schokolade, und essen noch mehr Pommes. Eigentlich ist Brüssel wirklich ganz nett. Am Sonntag, nachdem wir uns verabschiedet haben, stehe ich an der britischen Grenzpolizei und die ungefähr 60-jährige Polizistin schaut sich meinen Reisepass an. Sie sieht mein Visum und fragt mich, was ich denn in England mache. Ich sage ihr, ich würde an einer Schule in Croydon arbeiten. Sie lacht kurz, ich schaue sie verunsichert an und dann sagt sie: "Darling, du bist viel zu hübsch für Croydon". Anscheinend kennen wohl selbst bitische Grenzpolizisten in Brüssel den Ruf von Croydon. Aber mir ist das egal. Ich lache kurz und ehrlich, nehme meinen Pass, steige in den Zug und freue mich darüber, was das für ein tolles Wochenende war. 


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