Sonntag, 12. Dezember - Zeig mir deinen Wichtel und sag mir, wer es ist
Nervig: Gemüse ohne Gemüseschäler schälen. Nerviger: Suppe ohne Löffel essen müssen. An Nervigkeit nicht zu überbieten: Eine Stunde an einem Blog schreiben und ihn dann versehentlich löschen. Aber sowas passiert nunmal. Und jetzt bleibt das leider an euch, meine lieben (ungefähr 35) Leute, die ihr das lest, hängen. Der Blog kommt zu spät und ich bin genervt, weil ich den ganzen Quatsch hier nochmal schreiben muss. Man könnte argumentieren, dass hier niemand irgendetwas "muss", aber da das hier eh erstmal der letzte Blogeintrag ist, bevor ich für drei Wochen nach Hause fahre, beiße ich mich da eben durch. "Müssen" tu ich das aber trotzdem nicht, aber das hat ja auch niemand je behauptet.
Als ich am Montag eine Unterrichtsstunde halte, merke ich, dass das Wochenende wohl doch nicht ganz spurlos an mir vorbei gezogen ist. Meine Stimme hört sich, wie ein Schüler treffend anmerkt, so an, als hätte ich drei Tage lang durchgeschrien. Das ist zwar so nicht passiert, es waren schlicht zwei Fußballspiele und eine Nacht in einem unterkühlten Club, aber trotzdem: Ich höre mich an wie der menschgewordene Stimmbruch. Weil ich noch etwas kaputt bin, beschließe ich, am Montag nichts zu machen. Tom, der letzte Woche noch für die große Geschirrflaute in unserer Wohnung gesorgt hat, indem er alle schmutzigen Teller und so weiter weggeworfen hat, sagt mir abends, dass er kommendes Wochenende ausziehen wolle. 'Aha', denke ich mir. Der Kapitän verlässt also das sinkende Schiff. Dann, so denke ich mir, hätte er sich das Geschirrwegwerfen ja wirklich sparen können. Aber wie es in solchen Momenten eben ist, bin ich zu wenig schlagfertig, um dergleichen zu sagen und frage ihn, ohne das eigentlich zu wollen, ob er denn am Sonntag Hilfe beim Umzug brauche. Wenn ich mir seinen Lebensstil anschaue, kann das ja eh keine große Sache sein, das meiste ist ja wahrscheinlich schon im Müll. Ich schone mich für mein letztes Basketballspiel vor Weihnachten am Dienstag. Wir spielen auswärts gegen Wimbledon. Es ist das erste Mal seit Ewigkeiten, dass ich wieder richtig Sport machen kann und genau so fühlt sich meine Lunge und der Rest meines Körpers auch an. Ich spiele relativ grottig. Ein paar gute Aktionen sind dabei, aber ich bin echt schwach. Der Rest meines Teams auch, aber irgendwie steht es trotzdem bis zur Halbzeit unentschieden. Wir schlagen uns echt nicht schlecht gegen die Tabellenführer aus Westlondon. Leider scheint unser Spielertrainer die Sache mit dem "nicht schlecht schlagen" in der zweiten Hälfte ein bisschen zu wörtlich zu nehmen. Nach ein paar engen Aktionen rammt er einem Gegenspieler den Ellenbogen ins Gesicht und beleidigt ihn. Als eine kleine Rauferei entsteht, will er anfangen, sich zu prügeln. Die Situation kann irgendwie gerade noch geklärt werden. Aber direkt in der nächsten Aktion fängt er schon wieder damit an. Richtig unsympathisch pöbelt er unsere Gegner an, Brust raus, Stirn an Stirn und dann losschlagen. Ich gehe zu unserem zweiten Trainer und sage ihm, dass er Cherry, unseren Spielertrainer, auswechseln soll. Er schadet unserem Spiel, kriegt unsportliche und technische Fouls und verliert vorne die Bälle. Ich sage Dwayne, dem anderen Trainer, dass er entweder Cherry oder mich auswechseln soll, dass ich aber kein Bock habe mit so einem Wildwuchs auf dem Platz zu stehen. Leider scheint Dwayne ein paar amerikanische Sportfilme zu viel gesehen zu haben und entgegnet nur: "Theo, er schlägt sich gerade für dich. Wir bereiten euch auf den Krieg vor." Also bin ich es, der auf der Bank Platz nimmt. Wenn ich sehen will, wie 54-jährige Männer andere Leute verprügeln wollen, kann ich auch einfach in einen Croydoner Pub gehen (und kriege da sogar Messerstiche kostenlos dazu) und muss nicht 250 Pfund für eine Basketballsaison zahlen. So richtig scheint die Weihnachtsstimmung bei meinem Basketballteam also noch nicht angekommen zu sein. Zum Glück ist aber nicht das ganze Team so verrückt, und auf dem heimweg lachen Chiso, Jessy und ich herzlich über den Trainer und das Spiel, das wir am Ende wieder mit 30 Punkten verloren haben.
Um ein bisschen mehr in Weihnachtsstimmung zu kommen, gehen wir am Mittwoch auf den Weihnachtsmarkt. Am Trafalgar Square singt ein Chor aus Studenten einen Christmas Carol nach dem nächsten. Es ist wirklich wunderschön. Mit einem Glühwein (hier genannt: 'mulled wine') hören wir den Carol Singers zu und genießen diese adventliche Stimmung. Wir vergessen sogar, dass der Glühwein hier nur peinliche 5% hat und uns deswegen überhaupt nicht aufwärmt. Am Ende quatschen wir noch kurz mit der Chorleiterin und sie lädt uns zu einem Weihnachtskonzert des Chors in Richmond am Samstag ein. So langsam kehrt also wirklich Weihnachtsstimmung ein. Das merke ich auch in der Schule. Als ich am Donnerstag gemütlich in der Mensa sitze, kommt eine Französischlehrerin an und strahlt übers ganze Gesicht. Ob ich denn beim 'Secret Santa', also beim Wichteln, der Sprachlehrer mitmachen möchte, fragt sie mich. Das finde ich erstmal eine ganz feine Idee. Trotzdem weiß ich nicht, ob ich da so Lust drauf habe. Es gibt nämlich ungefähr 20 Sprachlehrer, und davon kenne ich vielleicht sieben. "Ich haben deinen Namen schon in die Lostrommel geworfen", grinst sie mich an. Naja, denke ich mir, dann bleibt mir ja nicht viel übrig. Ich frage sie, was ich machen soll, wenn ich einen Namen ziehe, den ich nicht kenne. "Ach", meint sie jauchzend, "dann wirst du denjenigen schon kennenlernen." Ich muss also ein Geschenk für jemanden kaufen, den ich garnicht kenne. So ganz stimmt das aber auch nicht. Denn die Französischlehrerin sagt weiter: "Und das Tollste an unserem Wichteln ist, dass wir garkeine Geschenke brauchen! Wir sind einfach nur ganz besonders nett zueinander in der Zeit." Ich ziehe einen Namen. Auf dem Zettel steht: 'Simon'. "Hast du dich selber gezogen?", fragt sie. 'Schlimmer', denke ich mir. 'Simon' ist ja ein ganz netter Name, nur wusste ich nicht, dass es von dieser Art auch Lehrer gibt. Ich bin überzeugt davon, dass ich in meinem Leben genug Drei ??? gehört habe, um herausfinden zu können, wer dieser 'Simon' denn nun ist. Um herauszufinden, zu wem ich die letzten vier Schultage nett sein muss, setze ich mich an den Computer und durchforste Microsoft Teams und den e-Mail-Account der Schule. Und tatsächlich: Die Suche ist erfolgreich. Ich finde vier Lehrer mit dem Namen 'Simon'. Aus Zeit- sowie Aufwandsgründen ist es für mich aber keine Option, zu allen vier Simons sehr nett zu sein. Ich habe ja nur vier Tage Zeit und muss ja eine ganz neue Verbindung zu dem guten Mann herstellen. Er hat ja auch keine Ahnung, wer ich bin. Nach anstrengenden Recherchen und der mich sehr weiterbringenden Frage "Hey, wer ist eigentlich dieser Simon?" habe ich endlich meine zu bewichtelnde Person gefunden. Ich schätze, dass Simon mich gezogen hat und dasselbe Problem hat, denn auffällig nett ist niemand zu mir in der Woche. Natürlich sind die alle nett, aber eben nicht auffallend nett. Und da kann es gut sein, dass Simon und ich uns gegenseitig gezogen haben und wir unsere Nettigkeit darin zeigen, dass wir uns einfach gekonnt aus dem Weg gehen und uns so beide die Mühe sparen.
Um nicht zu sehr in die Weihnachtsglückseligkeit zu verfallen, schenkt uns London am Samstagabend schon wieder eine Schlägerei. Charlie, Nicola, Grace und ich sitzen in einer ziemlich coolen Kneipe in Shoreditch, trinken Espressotini und schauen zu den Leuten am Tisch neben uns, die einfach nicht so richtig in die Kneipe passen wollen und immer wieder aggressiv und laut werden. Plötzlich stehen sie auf und der eine Mann schlägt dem anderen (der, so entnehmen wir es dem Geschrei, sein Sohn ist) ins Gesicht. Es entsteht eine riesige Rauferei, in der der Sohn sich immer wieder umdreht und - nicht ganz coronakonform - Blut auf den Kneipenboden spuckt. Cool wie wir sind, schmunzeln wir ein bisschen darüber, verstummen aber direkt, als uns der Vater böse anschaut. Am Sonntag zeigt sich London wiederum von seiner besten Seite. Charlie und ich treffen uns zum Spiel Crystal Palace gegen Everton im Selhurst Park Stadion in Croydon. Es ist ein wunderbares Spiel und nach unserer deftigen Niederlage bei unserem ersten Spiel in der Wilden Liga am Donnerstag (wir haben 14-7 verloren) macht es Spaß, guten Fußball zu sehen. Um das Stadion herum werden Weihnachtslieder gesungen, die Leute sind gut drauf, es wird Geld für Obdachlose in London gesammelt.
Nächste Woche ist dann noch der deutsche Weihnachtsbäckereiabend in der Schule, in dem es für mich darum gehen wird, so zu tun, als büke ich jedes Jahr Plätzchen und als würde ich mich mit sowas auskennen. Gleichzeitig werde ich versuchen, jedwedes Plätzchenangebot eines Schülers höflich, aber bestimmt abzulehnen.
Es ist cool, hier jetzt richtige Freunde zu haben. Dadurch fühlt sich London schon viel mehr nach einer Heimat an und ich kann mich auch darauf freuen, im Januar wieder herzukommen. Und ich habe die ganze Zeit dieses wundervolle Gefühl im Hinterkopf, am Mittwoch wirklich nach Hause zu fahren. Ich freue mich riesig darauf, wieder Deutsch zu sprechen (Wörter wie 'schmunzeln' oder - entschuldigung - 'Pissrinne' gibt es hier einfach nicht) und meine Freunde zu sehen. Was heißt 'ich freue mich riesig darauf'? Eigentlich sollte ich schreiben: Ich kann es kaum noch erwarten.
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