Sonntag, 5. Dezember - Halsabschneiderwürste auf keinen Tellern
Das Wort "Wohnungssuche" und die Website "spareroom.co.uk" tauchen immer häufiger in meinen Gedanken und in meiner Browser History auf. Mein Zimer in Croydon ist okay, es ist sogar größer als mein Zimmer in Regensburg, aber der Rest der Wohnung ist leider echt dürftig. Die Küche ist zwar genauso lieblos, dafür aber lange nicht so sauber wie ein Labor (davon später mehr). Die Heizung funktioniert nur manchmal, das heißt: morgens und abends von sechs bis sieben Uhr, meistens ist es eiskalt in der Wohnung. Und meine Mitbewohner sehe ich selten bis nie, das heißt wahrscheinlich auch nur morgens und abends von sechs bis sieben Uhr. Wenn überhaupt. Nun wäre es garnicht schlimm, praktisch alleine zu wohnen (wie gesagt: manchmal sehe ich meine Mitbewohner tagelang nicht und das einzige Lebenszeichen von ihnen ist die hochgeklappte Klobrille), wenn ich zumindest in einer Gegend leben würde, in der was los ist. Aber das ist in Croydon nicht so. Hier gibt es keine jungen Leute, nur Familien oder Obdachlose.
Ich dachte anfangs, dass meine Mitbewohner zumindest lustig sind und sich gut verstehen, aber ich glaube, ich lag ein bisschen daneben. Als sie damals, bevor ich eingezogen bin, mein Bett verbrannt haben, um sich Würste zu grillen und sich damit rechtfertigten, dass ich "theoretisch zu dieser Zeit noch nicht da gewohnt hätte", musste ich lachen und dachte mir, dass die ja lustig sein müssen. Aber ich glaube, das Wegwerfen meines Betts war garnicht so lustig gemeint. Lasst mich ein bisschen weiter ausholen: Nick und Tom, meine beiden Mitbewohner, kriegen sich ständig in die Haare. Meistens geht es dabei um die Sauberkeit der Küche, und meistens lassen sie ihren Frust durch WhatsApp-Nachrichten raus. Nick spült seine Sachen grundsätzlich nicht ab, sein unsympathisches Hauptargument ist, dass alle zwei Wochen ja eh eine Putzkraft komme, die das dann ja machen könne. Das nervt schon ein bisschen, wir haben eh nur fünf Gläser (und das weiß ich deswegen so genau, weil ich jedes einzelne aus Pubs geklaut habe) und sieben Teller. Aber irgendwie habe ich keine Lust, das groß zum Thema zu machen, vor allem nicht über WhatsApp, und wasche dann halt manchmal die anderen Sachen ab. Tom ist da anders: Er macht oft Bilder von der unsauberen Küche und schickt sie in unsere WhatsApp Gruppe. Den Sinn dahinter habe ich noch nicht erkannt, denn wir wissen ja, wie die Küche aussieht und sauberer wird sie auch nicht, nur weil man sie fotografiert. Ich stehe also ein bisschen zwischen den beiden. Mir macht es nichts aus, wenn es schmutzig ist, aber es würde auch nicht schaden, seine Sachen wegzuräumen. Man bin ich ein langweiliger Depp, merke ich gerade. Als ich mir aber am Dienstag mein momentanes Stammgericht, ein Erdnusscurry, zaubern will, fällt mir auf, dass unser Geschirrinventar nochmal weiter geschrumpft ist und wir jetzt wirklich fast nichts mehr haben. Außerdem finde ich weder Dosenöffner noch Gemüseschäler. Wir haben keine Löffel mehr. Die Telleranzahl: stark reduziert. Von den Gläsern: keine Spur. Tassen: Fehlanzeige. Tom kommt in die Küche. Ich frag ihn, ob erzufällig wisse, wo das ganze Geschirr hin sei. Tom, praxisorientiert wie er es eben ist, meint: "Ja, im Müll." Ich stutze zunächst, frage dann aber: "Was heißt 'im Müll'?" Er antwortet: "Ich habe sie weggeschmissen." Ich bin sprachlos. Tom meint, er habe alle schmutzigen Teller und Tassen, Gläser und Löffel weggeworfen, Nick würde sie ja eh nicht sauber machen und dann, naja, dann könne man sie auch gleich wegwerfen. Außerdem, so fügt er hinzu, würde man vielleicht eher sauber machen, wenn man weniger Teller und so weiter hätte. Ich fasse es nicht. Ich google, wie man eine Dose ohne Dosenöffner öffnen kann. Das funktioniert wohl mit einem scharfen Messer. Ich öffne die Schublade, will das Messer holen, aber nein. Auch das ist wohl im Müll gelandet. Was kommt als nächstes? Was wird noch weggeworfen? Trägt er als Sportlehrer seine Klamotten einmal, merkt dann, dass sie stinken und wirft sie weg? Hat sein Handy keinen Akku mehr, geht das dann in den Müll? Das ist so bescheuert. Ich fasse es nicht.
Trotzdem: Auch unabhängig von diesen Verrückten, vor denen man Sachen verstecken muss, damit sie nicht weggeworfen werden, hätte ich mich auf die Suche nach einem neuen WG-Zimmer gemacht. Es wäre cool, die letzten 4 Monate nach Weihnachten nochmal im Londoner Zentrum zu wohnen.
Ansonsten vergeht die Woche recht schnell. Ich schone mich noch ein bisschen, bin aber eigentlich wieder fit. Einen Arzttermin habe ich nicht mehr bekommen, aber das wäre ja auch zu viel verlangt. Mittwoch gehe ich mit Lucy und Charlie in eine paar Pubs. Am Freitag kommen Lukas und Linus zu Besuch. Es macht Spaß, mal wieder Deutsch zu reden und mit Freunden unterwegs zu sein, die man schon so lange kennt. Wir haben uns vorgenommen, ein richtiges Fußballwochenende zu machen. Wir schlendern von einer Bar zur nächsten und gehen abends feiern. Die beiden sind unfassbar begeistert von Meal-Deals bei Tesco, quasi die einzige Art und Weise in London nicht direkt ein Vermögen für etwas zu Essen zu zahlen. Übrigens: Eine Portion Fish&Chips hier kostet sehr häufig 10 Pfund. Linus und Lukas sind schockiert über die Preise. Alles ist so unglaublich teuer. Wir beschließen aber, dieses Wochenende wenig auf das Geld zu schauen. Diesen Luxus kann ich mir erlauben, weil die Schule mir die ersten zwei Monate immer nur die Hälfte meines Gehalts gezahlt hat und mir Ende November alles zurückgezahlt hat und ich so praktisch zwei Monatsgehälter auf einmal bekommen habe. Linus, der eigentlich auf die Stadionwurst für 8 Pfund verzichten will, verzichtet dann am Sonntag auf die Bratwurst beim Bavarian Christmas Market am Hyde Park. Die Wurst dort kostet, haltet euch fest, 9 Pfund. Aktuell sind das 10,59 Euro, und das für eine - wahrscheinlich - unterdurchschnittliche Wurst, die Linus völlig zutreffenderweise "Halsabschneiderwurst" nennt. Nach einem weiteren Bier am Samstag jauchzt Linus nur: "Ich scheiße Geld und hab garkeins."
Zurück in der Wohnung muss ich den Jungs gestehen, keine Bettdecken zu haben. Linus und Lukas nehmen es mit Humor und fragen nur, ob mein Mitbewohner die wohl weggeschmissen hat. Ein guter Running Gag, der aber, vor allem als mich Lukas Samstag früh nach einer Kaffeetasse fragt, zwar noch "Running" ist, mit einem "Gag" aber nicht mehr viel zu tun hat. Am Samstag sehen wir uns das Spiel West Ham gegen Chelsea an. Wir sind ein bisschen enttäuscht von der Stimmung, aber das Spiel ist extrem gut. Natürlich läuft nach dem Spiel Sweet Caroline, wie sollte es auch anders sein. Das Lied läuft hier wirklich durchgehend, anscheinend seit der EM. Alle bleiben noch und tanzen dazu. Wir gehen Samstagabend in einen Club in Greenwich, in dem zwar ein guter DJ, aber nur seltsame Leute unterwegs sind. Ein Mann verfolgt mich ständig. Er ist wahrscheinlich 50 und sieht aus wie auf einem schlimmen Dorgenentzug, und egal, wo ich stehe, er ist immer direkt hinter mir und schaut mich direkt an. Ich bekomme es ein bisschen mit der Angst zu tun und fliehe aufs Klo. Da erwartet mich die nächste Überraschung: zwischen den Pissoirs und den Waschbecken hat ein Mann einen kleinen Süßigkeitenstand aufgebaut. Das bedeutet: Er verkauft Kekse und Lollis. Ich will ihn eigentlich fragen, was es mit dieser durchaus nicht vielversprechenden Geschäftsidee auf sich hat, da werde ich aber schon von zwei streng gekleideten 25-jährigen unterbrochen, die dabei sind, eine riesen Schlägerei anzuzetteln. Ich frage mich, in was für einem Assiclub wir denn hier gelandet sind und gehe zu den Anderen. Am nächsten Tag freuen wir uns auf QPR gegen Stoke City. Wir treffen uns mit Charlie und Joe im Wetherspoons in Shepherd's Bush. Wetherspoons kauft Kneipen auf und verkauft dann günstiges Bier. Und zwar wirklich günstig. Kostenpunkt für ein Pint: 2 Pfund. Lukas fragt Joe, ob denn Wetherspoons nicht einfach "McDonald's für Bier" wäre, und Joe kommt aus dem Nicken garnicht mehr raus. Es regnet, das Wetter könnte britischer nicht sein, und das Spiel ist nicht unbedingt sehenswert. Abends gehen wir dann noch auf den Weihnachtsmarkt und landen bei einer Bühne, an der eine bayerische Band in Lederhosen englische Klassiker covert. Alle tanzen wie verrückt. Es läuft immer ein Weihnachtslied, dann ein mit bayerischem Akzent gecoverter Song, und dann, höchstwahrscheinlich, Sweet Caroline. Was für ein cooles Wochenende.
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