Sonntag, 16. Januar - Nachts um zwölf, schweißgebadet
Nach drei wunderbaren Wochen in Deutschland bin ich wieder in Croydon. Das heißt auch, dass es heute, nach anderthalb Wochen auf der Insel, mal wieder Zeit für einen neuen Blogeintrag ist. Nun gut. Dann mal los.
Laut Plan soll ich am Mittwoch um 22:20 in London ankommen, also praktisch in 'London landen', oder - wie die Briten das aussprechen würden - 'in Landn landn'. Wobei, das ist ja auch Blödsinn, denn Briten würden wohl kaum, egal was ihr Dialekt nun mit ihnen anstellt, das Wort 'landen' verwenden. Wie dem auch sei, am Mittwoch gegen elf Uhr nachts verlasse ich den Flughafen Gatwick und steige in den Zug Richtung Croydon ein. So richtig leicht fällt mir das alles nicht. Drei Wochen war ich eigentlich keine Sekunde alleine, hatte durchgehend Freunde um mich rum, und schwuppdiewupp (ein ulkiges Wort, wenn es so ausgeschrieben da steht, oder?) sitze ich ganz alleine in meinem Zimmer in Südlondon. Die ersten paar Tage habe ich damit echt zu kämpfen.
Samstagmittag treffe ich mich mit den beiden Joes in einem Pub. Ich bestelle ein Pale Ale, da schaut mich der Barkeeper an und fragt mich, ob ich das denn wirklich haben wolle, richtig gut schmecke ihm das nicht. Er nimmt ein Glas und gießt mir einen Versuch ein. Tatsächlich. Mir schmeckt es auch nicht. 'Wie wärs denn mit dem hier?', fragt er mich und reicht mir dasselbe Glas, diesmal aber mit einem anderen Ale drinnen. Nach drei oder vier weiteren Gläsern entscheide ich mich dann für ein Lager. Wie ich die Bierpreise in London kenne, habe ich gerade für knapp acht Euro Bier probiert. Dem Barkeeper scheint das aber egal zu sein, er reicht mir das Bier und wünscht mir viel Spaß. Eigentlich wollen wir ein Spiel einer Sechstligamannschaft anschauen, aber Charlie ruft, kurz bevor wir losgehen wollen, an und sagt, dass das Spiel abgesagt wurde. Scheinbar hat es hier zu viel geregnet und das Spielfeld ist überflutet. Da sitzen wir also mit einem angefangenen Rausch und fragen uns, wohin damit. Wir laufen ein bisschen durch Peckham und kehren in verschiedenen Pubs ein. Auch nicht schlecht. Abends, als wir in der S-Bahn von Peckham Richtung Battersea sind, fahren wir an der Battersea Power Station vorbei. Das ist das Albumcover von Animals von Pink Floyd. Selber habe ich das natürlich nicht gewusst, von Pink Floyd kenne ich eigentlich auch nur den Bandnamen und "Wish you were here" (das Lied wiederum kenne ich vorallem deswegen, weil uns mal bei einer Maiwanderung eine Gruppe Mädchen entgegenkamen, die alle witzige T-Shirts mit der kecken Aufschrift "Wish You Were Beer" trugen und dabei eben jenes Lied hörten), trotzdem empfinde ich in dem Moment, als wir an der Power Station vorbeifahren, ein kleines Gefühl von Stolz, gerade in dieser berühmten Stadt leben zu können. Wir treffen uns mit Lucy und Tom in einem Wetherspoons und nach einer Weile bestelle ich mir eine Portion Pommes. Gerade als ich zugreifen will, brüllt mich Lucy an, was ich denn vorhabe. Ich entgegne verdutzt, dass ich doch nur meine Pommes essen will und dass das, da ich sie ja bestellt, bezahlt und nun bekommen habe, ja wohl mein gutes Recht sei. Dann klärt mich Lucy aber auf: "Du musst sie aber erst zählen!" Ich schaue in die Gesichter von Lucy, Tom und auch Charlie. Sie sind todernst. Lucy erklärt mir, dass man, wenn man bei Wetherspoons eine Portion Pommes bestellt, die Pommes, Pommes für Pommes, zählen muss. "Wofür?", frage ich arrogant. "Damit du weißt, ob es eine gute Portion ist, natürlich." Für die Engländer scheinen weder Geschmack, noch Knusprigkeit oder etwa Würze Kriterien dafür zu sein, wie gut Pommes schmecken. Ihnen geht es einzig und alleine um die Anzahl der Pommes. Die Messlatte liegt dabei bei 32. Alles was drüber ist, gilt als eine gute und leckere Portion. Alles drunter ist eher durchwachsen. Ich breite meine Serviette aus und zähle die Pommes, indem ich sie einzeln aus dem Teller nehme und auf die Serviette lege. Ich habe 31. Fuck. Aber ich kann nichts machen. Ein bisschen enttäuscht esse ich meine nun etwas kalten und labbrigen Pommes auf.
Ich bin nicht direkt froh, als am Montag die Schule wieder losgeht, aber ein bisschen Alltag schadet ja nun auch nicht. In einer der ersten Stunden frage ich einen Schüler, ob er denn wisse, was die drei Könige bei sich trugen. 'Klar', meint er und sagt: 'gold, frankincense and myrrh'. Ich frage ihn dreimal, ob er das mittlere Wort nochmal wiederholen könne und bin genervt, weil ich es immer noch nicht verstehe. Ich motze den Schüler an und erkläre ihm, dass er hier nicht der einzige ist, der was lernen will. Ich bin unzufrieden mit meinem Englischwortschatz, erzähle ich dem Schüler, er erwidert nur, dass er nicht gerade überrascht ist, dass ich hier in Croydon das Wort für 'Weihrauch' noch nicht gehört habe. Ich fühle mich wieder hier angekommen. Ein paar der Schüler haben mündliche Prüfungen. Auf die Frage, was es denn für Schulregeln gebe, meint er 'man muss kein Messer mitbringen'. Ich muss schmunzeln. Das stimmt, denke ich mir. Müssen tut das niemand. Aber jetzt ist es allerhöchste Zeit, mit diesen langweiligen Lehrergeschichten aufzuhören. Ich lege nämlich hohen Wert darauf, dass ich kein Lehrer, sondern Student bin, und das auch erstmal so bleiben soll. Auf dem Weg nach Hause laufe ich gedankenverloren über den Schulhof. Plötzlich höre ich einen lauten Pfiff und einen brüllenden Mann. Ich erschrecke so sehr, dass ich leicht in die Luft hüpfe. Da sehe ich vier gut sortierte Gruppen Schüler, die plötzlich und von allen Seiten auf mich zu marschieren. Alle tragen Camouflage. Ich erschrecke ein zweites Mal und sprinte, bevor diese Jungarmee Weiteres mit mir anstellen kann, vom Schulhof. Anscheinend, und das mag nun ein bisschen seltsam wirken, gibt es an der Schule das Wahlfach 'Exerzieren'. Ich finde, es wäre die Pflicht der Schulleitung, die ich nach wie vor 'nur vom Sehen' kenne, mir sowas zu sagen, bevor ich mich aus Versehen in potentiell lebensgefährliche Situationen bringe. Eine letzte Schulsache muss ich aber noch kurz erzählen. Um die anfangs schwierige Tassensituation endgültig zu beenden, bin ich am Flughafen München glücklicherweise auf ein Angebot reingefallen und habe mir folgende, unverwechselbare Tasse für fünf Euro gekauft:
Die Woche vergeht irgendwie schnell. Als ich am Montag gegen 12 Uhr nachts heimkomme, läuft ein betrunkener Mann, der aus irgendeinem Grund laut Bruno Mars singt, mit zwei unangeleinten Kampfhunden durch Croydon. Als er kurz vor mir ist, brüllt er nur 'Get him' und ich habe Angst um mein Leben. Ich will losrennen, aber denke mir, dass das die Hunde wohl noch eher auf mich hetzt. Also wechsle ich die Straßenseite und verstecke mich kurz hinter einer Mauer. Erst als ich das Gebrüll des Mannes ein paar Meter weiter hinten höre, komme ich aus meinem Versteck raus. Ich bin völlig nassgeschwitzt.
Ich schaue mir eine Wohnung in Hoxton an. Der Mann, mit dem ich spreche, ist Security Guard und spricht kein Englisch. Er führt mich wortlos durch die Wohnung und schreibt mir keine drei Stunden später, dass das Zimmer vergeben ist. Aber die gute Nachricht ist, dass Charlie aus seiner Wohnung in Shoreditch auszieht und ich schon nächste Woche in sein altes Zimmer einziehen kann. Das bedeutet, dass ich die letzten vier Monate, die ich hier bin, wirklich in der Londoner Innenstadt wohne. Fürs Wochenende habe ich mir eigentlich vorgenommen, ins Museum zu gehen, einmal dauert aber mein Basketballspiel zu lange und das andere Mal ist Nicola zu verkatert und sagt ab. Katie, meine neue Mitbewohnerin in Croydon, geht aber hin und zeigt mir abends Bilder. Ich nehme mir fest vor, nächste Woche wirklich mal was Kulturelles zu unternehmen. Achja, ich habe zwei Basketballspiele am Wochenende, wir verlieren beide. Auch unser Fußballspiel in Shoreditch endet 5-10. Damit habe ich sportartenübergreifend null Siege aus neun Spielen. Well done, Theo.
Ohne Sieg kommst mir nicht nach Hause😂
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