Sonntag, 23. Januar - Keine Koffer im Berufsverkehr, oder: "Bye bye, Croydon"

Es ist eigentlich nur ein einziger Buchstabe, der mich von einem Schüler, der jüngst während einer Deutschstunde laut und selbstbewusst rülpste, unterscheidet: Der Schüler ist ungezogen, ich hingegen bin umgezogen. Ohne zu wissen, ob das nun ein guter oder doch ein eher fader und etwas zu gewollter Einstieg in einen Blogeintrag ist, berichte ich hier - wie jede Woche - davon, was sich bei mir in London in den letzten 7 Tagen so zugetragen hat. 

Wie schon erwähnt, habe ich mir für diese Woche meinen Umzug vorgenommen. Umziehen ist für mich seit Beginn der Pandemie eine Art Hobby geworden. Meine neue Wohnung in Shoreditch ist die fünfte Wohnung, in der ich seit April 2020 lebe. Mein neues Zimmer ist klein, mehr als ein Bett, ein Kleiderständer und ein kleiner Nachttisch - im Übrigen nicht zu verwechseln mit einem kleinen Nachtisch, wie etwa einer Mousse au Chocolat oder einer Portion Tiramisu, passen hier nicht rein. Aber das macht nichts, denn die Wohnung hat ein kleines Wohnzimmer und ist, zumindest wenn es nicht darum geht, jeden Tag nach Croydon in die Schule zu fahren, in perfekter Lage. Mit Tanvir, meinem Vermieter, einige ich mich darauf, die letzte Januarwoche zu zahlen, aber schon davor einziehen zu dürfen. Am Telefon fragt er mich vor allem, was denn meine Lieblingsfußballmannschaft sei, was ich von Jürgen Klopp halte und wie mir mein Job gefalle. Erst nachdem wir zehn Minuten gesmalltalked (wobei ich die Frage nach der Lieblingsmannschaft eigentlich nicht als Small-Talk bezeichnen würde) und das Telefonat beendet haben, ruft er mich nochmal an und meint, er habe vergessen, mir Details über die Wohnung wie Miete und Kaution zu geben. Mein Umzug selber zieht sich. Eigentlich will ich am Mittwoch in die neue Wohnung, falle aber nach der Arbeit kaputt ins Bett und habe keine Lust, anderthalb Stunden und schwer bepackt durch den Londoner Berufsverkehr zu fahren. Außerdem ruft mich Nicola an und sagt mir, sie schaffe es leider doch nicht, mir zu helfen, weil sie bei der Arbeit plötzlich aus irgendeinem Grund von ihr wollen, dass sie 'wirklich arbeite'. Schockiert darüber einigen wir uns darauf, das am Donnerstag anzugehen. Leider fällt mir Donnerstag ein, dass ich ziemlich schnell nach der Schule zu einem Fußballspiel muss, das es mal wieder zu verlieren gilt. Trotzdem werfe ich schnell ein paar Sachen in meinen Koffer und fahre los. Angekommen stelle ich den Koffer in mein neues Zimmer, da kommt meine neue Mitbewohnerin, Mikaela, mit FFP2-Maske. Ob ich den Gruppenchat gelesen habe, fragt sie mich. "Nö", erwidere ich, merke dann aber auf halbem Weg, dass "nö" ja kein englisches Wort ist und wandle das "ö" unbeholfen in ein "o" um. Naja, sagt sie, Maria Rita, die andere Mitbewohnerin, kam gestern mit Corona nach Hause. Wir unterhalten uns kurz, bis ich mich aus Infektionsschutzgründen dazu entscheide, meine Waschsachen wieder mitzunehmen und doch noch ein oder zwei Nächte in Croydon zu schlafen. Das Fußballspiel verlieren wir übrigens, aber ist dabei sein nicht alles? Dafür erzählt Freddie nach dem Spiel, er habe vor ein paar Wochen Jordan Pickford, den Torwart der englischen Nationalmannschaft, koksen sehen. Auch nicht schlecht.



Am Mittwoch koche ich noch mit Nick und Katie, es ist das erste Mal in über viereinhalb Monaten, dass Nick und ich gemeinsam was machen und ein Bier zusammen trinken. Und das am eigentlich letzten Abend, den ich in der Wohnung verbringe. Freitag Abend sitzen Katie, Charlie und ich zusammen und ich packe (jetzt wirklich) die letzten Sachen in der Wohnung zusammen. Irgendwie verquatschen wir uns und es ist elf Uhr nachts am Freitagabend, als Charlie und ich drei Rucksäcke und zwei Koffer hektisch in die S-Bahn schleppen. Pünktlich zur Geisterstunde komme ich, mit Maske, in meinem neuen Zimmer an. Samstag früh fahre ich zu Peter nach Oxford, wo ich in der zehnten Klasse für ein paar Monate gewohnt habe. Wir schauen uns ein ordentliches Drittligaspiel an und gehen abends noch in einen Pub. Viel von der Stadt sehe ich nicht, will euch die berühmte 'Radcliffe Camera' aber natürlich nicht vorenthalten:



Ich bin gespannt, wie es wird, jeden Tag von Shoreditch nach Croydon und wieder zurück zu kommen. Vielleicht leihe ich mir ein Fahrrad aus. Ich habe mir auch vorgenommen, ab und zu mal, als Vorbereitung auf den Halbmarathon (added mich auf adidas running!) von der Schule heimzujoggen. Aber das will ich erst sehen, bevor ich es glaube.





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