Sonntag, 30. Januar - Peak Time-Pieks

Vor einigen Wochen, es muss noch vor Weihnachten gewesen sein, hat Charlie in einem überfüllten Pub in Tower Hamlets gesagt, dass an einem normalen Arbeitstag mehr Menschen in London sind als in ganz Australien. Eine offizielle Quelle hat er nicht angegeben - ich habe aber auch nicht danach gefragt. Wer bin ich denn? Sein Dozent? Nein. Ich finde, die Tatsache, dass er aus Australien kommt und jetzt in London wohnt, muss reichen, um dieser Statistik Glauben zu schenken. Außerdem wäre es doch sehr unhöflich und gesprächserstickend, nicht mit Staunen, sondern direkt mit Zweifel auf eine so interessante Aussage zu reagieren. Und sind wir ehrlich: Was hätte ich davon gehabt, zu zweifeln? Für Charlie ging es bei dieser Aussage ja nicht darum, die haargenaue Anzahl Australier und in London Arbeitender zu vergleichen. Nein, es ging ihm schlicht darum, zu sagen, wie viel in London an einem Arbeitstag eben los ist. Ob das jetzt mehr, weniger oder gleich viele Menschen wie in Australien sind, ist ja am Ende auch egal. Dann worum es mir hier eigentlich geht: Die S-Bahn ist verdammt voll. Ich bin jetzt nämlich ein richtiger Pendler. Jeden Tag nehme ich den London Overground (S-Bahn) von der Shoreditch High Street nach West Croydon oder Norwood Junction und setze mich dann entweder in den Bus oder, wenn mir das Geld egal ist, in den Zug und dann in den Bus, bis ich an meiner Schule in Croydon bin. Nach der Schule, etwa um kurz nach vier, nehme ich dann die S-Bahn nach Hause und erlebe so die Rushhour Londons in ihrem vollen Umfang mit. Während dieser Rushhour, der sogenannten Peak Time, gibt es einige Sondervorschriften. So darf man zum Beispiel keine Fahrräder mitnehmen oder keine E-Scooter dabei haben. Außerdem kostet die Fahrt während der Peak Time etwas mehr. Mir ist in dieser ersten Woche, in der ich nun immer pendeln musste, aber aufgefallen, dass es noch einiger Regeln mehr bedarf. Als ich am Montagnachmittag nach Hause fahre und von meinem anstrengendsten Tag der Woche erschöpft auf den Sitz falle, höre ich es plötzlich leise neben mir knistern. Ich sehe, wie die Frau neben mir eine Plastikpackung Oliven ausgepackt hat und nun versucht, diese zu essen. Problem bei der Sache: Sie hat so lange Fingernägel, dass sie es nicht schafft, einzelne Oliven herauszunehmen. Deswegen auch das Kratzen. Das Geräusch gibt mir Gänsehaut, es klingt ein bisschen wie das Kratzen mit dem Fingernagel über eine Schultafel. Ich überlege kurz, ihr anzubieten, die Oliven für sie aus der Packung zu holen und ihr in den Mund zu stecken, besinne mich dann aber zum Glück eines Besseren. Daher Regel Nummer eins: Zwischen vier und fünf Uhr nachmittags dürfen keine Oliven gegessen werden. Und wenn, dann nur mit geschnittenen und keinen Fake-Fingernägeln. Am Dienstag auf dem Weg nach Hause sitzen zwei Familien mit je einem Kind und Kinderwagen neben mir. Ich wundere mich, dass Fahrräder und Scooter nicht, riesengroße Kinderwagen aber sehr wohl erlaubt sind. Beide Kinder fangen gleichzeitig an zu weinen, als ob es ein Wettbewerb wäre. Ich habe absolut nichts gegen weinende Kinder - ehrlich gesagt tun sie mir eher leid, sie können schließlich weder sagen, was das Problem ist, noch können sie es in einen Blog schreiben, den mittlerweile nur noch knapp 20 Leute lesen - und trotzdem bin ich genervt. Denn anstatt die Kinder irgendwie zu trösten, schauen die Eltern nur beschämt und entschuldigend in die Gesichter der Pendler und zücken dann ihre Handys, um ihren Babys irgendwelche YouTube-Kindervideos zu zeigen. Es stellt sich raus: Ein Wundermittel. Die Babys, mit den Handys in der Hand, sind sofort still und starren wie gebannt auf die Smartphones. Das Problem für mich und alle anderen: Der Sound der Handys ist auf voller Lautstärke und ist tausendmal nervtötender als jedes Geschrei jedes Kindes es jemals sein kann. Deshalb Regel Nummer zwei: Kinder dürfen weinen. Aber bitte, gebt ihnen keine Handys in die Hand und zeigt ihnen keine Videos. Und wenn, dann nur ohne Ton. Am Mittwoch habe ich früher Schluss und gehe nach der Schule zum Centrale Shopping Centre Croydon. Ich lasse mich boostern. Oder um es in den Worten einiger "Spaziergänger" zu sagen, die zur Zeit auf Deutschlands Straßen unterwegs sind: Ich lasse mich vergiften. Es ist alles überraschend unkompliziert, als ich nach der Impfung noch kurz warten muss, spricht mich eine Frau aus Amerika an, was zur Hölle ich denn in Croydon verloren habe. Ich antworte keck: "Ich lasse mich impfen. Und Sie?" (Anmerkung von Theo: Da es im Englischen das Siezen nicht gibt, habe ich natürlich "and you?" geantwortet, will aber ausdrücklich darauf hinweisen, "Und Sie?" gemeint zu haben) "Ich auch.", sagt sie, mindestens doppelt so keck. Sie ist etwa 65 Jahre alt und wir unterhalten uns länger als die 15 Minuten, die wir auf einen allergischen Schock warten sollen. Ich erzähle ihr von der Schule, sie erzählt mir von ihrem deutschen Ehemann, der in der Nähe von Lübeck geboren wurde. Es ist ein netter Schnack. In der S-Bahn ist es wieder voll und ich merke, wie mein Impfarm beginnt, wehzutun und sich ein Mann trotzdem aus Platzgründen an ihn zwängt. Regel Nummer drei also: Nicht frisch geimpft S-Bahn fahren, das tut weh. Eine gute Sache hat das Pendeln aber trotzdem: Als ich Mittwoch nach Hause komme, beschließe ich, mir eine Portion Pommes an meiner S-Bahn Station zu kaufen. Dort habe ich nämlich eine kleine Bekanntschaft gemacht. Ein Österreicher aus Kufstein hat sich hier einen kleinen Foodtruck aufgebaut, in dem er österreichische und deutsche Spezialitäten verkauft. Will heißen: Würste und Pommes. Als ich ihn darauf anspreche, dass Pommes nun wirklich weder eine österreichische noch eine deutsche Spezialität seien, sagt er nur: "Ja und? Das wissen die hier doch nicht." Ich winke ihm immer wieder, wenn ich an dem kleinen Wagen vorbeikomme. Ich könnte nun noch ein bisschen von dem Croydoner Road Rage erzählen, den ich am Donnerstag auf dem Weg nach Hause erlebt habe, aber dafür ist es gerade schon zu spät und der Blog bereits jetzt schon zu lange.

Mit meinen neuen Mitbewohnerinnen ist es ganz cool. Jeden Tag, von Montag bis Mittwoch, ist immer eine Tiefkühlpizza im Ofen, wenn ich heimkomme. Ich lebe jetzt also mit Italienern zusammen. Wir verstehen uns gut, nur muss ich die Namen langsam mal lernen. Mir wird es dabei aber auch nicht leicht gemacht: Alle fangen mit den Buchstaben "Ma" an. Aber das schaffe ich schon noch, da bin ich mir sicher. Am Dienstag gewinnt meine Basketballmannschaft das erste Spiel. Ich habe nicht mitgespielt. Tom hat mich nämlich gefragt, ob ich bei seiner Fußballmannschaft aushelfen kann. Das Spiel ist in Dalston. Ich merke, wie froh ich bin, nicht mehr in Croydon zu wohnen. Sonst hätte ich anderthalb Stunden dahin fahren müssen, so sind es zwanzig Minuten. Als wir alle auf dem Feld stehen, wird uns bewusst, dass sowohl wir, als auch unsere Gegner rote Trikots tragen. Phil, ein Spieler unserer Mannschaft, fragt den Schiedsrichter, ob er Leibchen habe. "Da hättet ihr euch selber drum kümmern müssen.", entgegnet er scharf. Dann schlägt er vor: "Ein Team kann ja oben ohne spielen." Alle schauen ihn verdattert an. Er wiederholt todernst: "Ein Team kann ja oben ohne spielen. Zieht halt eure Trikots aus, das geht schon. So kalt ist es nicht." Beide Teams schauen sich gegenseitig an. Die Blicke sagen so viel wie "He's crazy." oder einfach nur "Fuck it." und wir stoßen an, ohne auf den Pfiff des Referees zu warten. Und hey: Wir gewinnen 3:2. Mein erster Sieg in irgendwas, seit ich hier in England bin. Geht doch. Der Schiedsrichter, der auf und neben dem Feld relativ mürrisch war, hört, wie ich mich mit einem Spieler nach dem Spiel auf Deutsch unterhalte. Das fragt er plötzlich: "Ah, ihr spreckt Deutch?" Wir sind beide überrascht und fragen ihn, ob er auch Deutsch spreche. Er sagt, nun wieder auf Englisch, dass er keine Ahnung von Deutsch habe, aber er bei seinem Star Trek Playstation Spiel die German Alliance gejoint hat und deswegen Deutsch lernen will. Wir lachen. Ein vielschichtiger Charakter. Und ich merke gerade, dass ich die Situation nicht mal annähernd so lustig und genau beschreiben kann, wie sie war. Das ärgert mich. Aber was will man machen, liebe Freunde, außer vielleicht einen Videoblog. 

Das Wochenende ist ganz gemütlich. Nicola und ich gehen ins Science Museum, das ein bisschen enttäuschend ist. Ähnlich enttäuschend ist übrigens auch das Werk meines Frisörs in Croydon. Als ich am Mittwoch bei ihm sitze, hört er nicht auf, von Erling Haaland zu schwärmen und schneidet mir meine Haare dabei aus Versehen viel zu kurz. "Ist doch nicht so schlimm", sagt Nicola auf dem Weg zum Museum. "Zieh deine Mütze einfach die nächsten drei Wochen nicht ab." Am Sonntag erkunde ich noch meinen neuen Stadtteil und bin einfach froh, hergezogen zu sein. Zumindest so lange, bis ich morgen früh wieder in der vollen S-Bahn sitze.










Comments

  1. Ich gehöre zu den 20 Followern und freu mich immer wieder, von lustigen Londonern zu lesen. Und solange noch einer liest, bitte weitermachen!

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  2. Nach deinem letzten Blog hattest du kurzzeitig nur noch 19 aktive Leser (da, wenn ich einen Text lesen möchte, dessen Autor offensichtlich keine Lust hatte zu schreiben, kann ich auch einfach meine Gedichtinterpretation von Eichendorff's Mondnacht aus der 10. Klasse rauskramen). Heute hast dus mit mir aber gemacht wie eine Bootscrew mit einem gekenterten Matrosen: mich wieder ins Boot geholt.
    Danke Captain & Ahoi!

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