Sonntag, 13. Februar - Besser ein DJ in der Hand als eine Taube auf dem Dach

An der Schule, an der ich unterrichte, herrscht strenges Rauchverbot. Sprich: Weder Schüler, noch Lehrer dürfen auf dem Schulgelände rauchen. Vorallem bei den jüngeren Schülern geht die Schule da recht streng vor. Nun bin ich kein jüngerer Schüler und auch kein Raucher, als richtigen Lehrer würde ich mich auch nicht bezeichnen - trotzdem aber als einen solchen, in dessen Aufgabenbereich es fällt, Schüler, die man beim Rauchen erwischt, zu verwarnen. Wie so eine "Verwarnung" funktioniert, weiß ich selber nicht. Ich weiß vielleicht, wie sie nicht funktioniert: Den Schülern eine gelbe Karte zeigen und sich dann als Lehrkraft wahnsinnig jung und originell zu fühlen. Ich denke, der beste Weg, zu verhindern, dass Schüler rauchen, wäre, als Lehrer selber zu rauchen und sich immer zu den Rauchern zu stellen. Nichts würde Schülern uncooler vorkommen, als mit dem 53 jährigen Mathelehrer Kippen zu rauchen. Das wäre ein sehr effektiver weg, rauchen recht unattraktiv zu machen. Aber um meinen Rat wird ja nicht gebeten. Ich werde ja nicht gefragt.

Als ich im Unterricht mit den Oberstuflern über "Sport und Gesundheit" spreche, erfahre ich von einigen Schülern, die mich nach wie vor als Lehrer nicht ernst zu nehmen scheinen, dass auf dem Klo wohl unglaublich viel gevaped wird. Als ich sie frage, warum sie sowas einem Lehrer erzählen, sind sie kurz überrascht und sagen nur: "Du bist doch eigentlich keiner, oder?". Euch zeige ichs, denke ich mir, und nehme mir fest vor, der Schulleitung, die es für mich noch kennenzulernen gilt, von diesem Missstand zu berichten. Auf der anderen Seite: petzen soll man nicht, deswegen warte ich mal lieber noch damit ab. Als ich am Dienstag zur Schule gehe, sehe ich kurz vor dem Schulgelände einen älteren Schüler vor mir laufen, der am Vapen ist. Wieder einmal merke ich, dass ich für diesen Job als Autoritätsperson einfach noch nicht gemacht bin, denn nicht im Traum würde ich zu ihm hingehen und dem Schüler, der vielleicht fünf Jahre jünger ist als ich, verbieten zu rauchen. Stattdessen schaue ich mich um und stelle sicher, dass kein Lehrer in der Nähe ist, der mich und mein Nichthandeln beobachten kann. Ich habe Glück. Denn der Schüler nimmt noch einen tiefen Zug und betritt dann, rauchaufhörend, das Schulgelände. 

In der Schule ist es wie immer. Ein paar Stunden machen echt Spaß und sind lustig, manche aber auch einfach sehr zäh und wollen nicht vorbeigehen. Ich freue mich darüber, dass es die letzte Woche vor den Ferien ist. Einmal fragt mich ein Schüler der 10. Klasse nach der Schule, ob ich irgendwelche Tipps habe, wie er denn seine Skills darin verbessern könne, auf Deutsch zu sprechen. Ich verdutze innerlich. Was mache ich denn mit euch seit über fünf Monaten? Genau, durchgehend versuchen, eure Sprachskills zu verbessern. Und jetzt erwartet der Schüler von mir zwischen Tür, Angel und zwei Schulstunden, dass ich ihm den genauen Weg sage, wie er sein Deutsch verbessern könne. Wie kann ich mich denn im Sprechen verbessern? "Naja, einfach im Unterricht mitzumachen wäre schonmal ein guter Anfang", will ich sagen, oder: "Ist das dein scheiß Ernst, was machen wir denn hier seit Monaten?". Das sind aber wahrscheinlich alles Sätze, die ihn wohl eher verunsichern würden als weiterbringen, also sage ich überfordert und äußerst wenig hilfreich: "Üben hilft immer." 

Die Woche plätschert ein bisschen vor sich hin. Das Pendeln dauert lange, lohnt sich aber immer noch. Eigentlich will ich mit dem Fahrrad zur Schule, oder wie manche dazu wirklich sagen: zur Arbeit, fahren, aber das Wetter ist wie ein beleidigtes Kind vor einer Monopoly Runde und spielt nicht mit. Ich hätte wahrscheinlich ohnehin nicht die Kraft dazu gehabt, Fahrrad zu fahren, weil ein Mann unter uns seit Tagen jeden Abend Musik auflegt, bei der er sicher geht, dass jeder im Haus was davon hat und niemand auch nur zu einer Sekunde Schlaf kommt. Der Bass seiner Musik ist wirklich ohrenbetäubend. Unsere gesamte Küche vibriert. Und ich würde schon sagen, dass ich relativ cool bin, was laute Mitmieter angeht. Aber es wird uns echt zu viel. Unsere gesamte Küche vibriert, die Gläser wackeln im Schrank - und das jeden Abend in der Woche bis zwei Uhr morgens. Maria, meine Mitbewohnerin, erzählt mir, sie hätte ihn darauf angesprochen und ihn gebeten, zumindest den Bass unter der Woche leiser zu stellen. Er habe wohl nur gesagt, dass er nun mal ein professioneller DJ sei und es nicht anders ginge. Eine Blödsinnsaussage, denn ein professioneller DJ hat auch ab und zu Auftritte und kann sich vor allem gute Kopfhörer leisten. Aber eigentlich ist das alles halb so wild, denn was unsere Wohnsituation betrifft, soll diese Woche noch einiges kommen.

Als ich am Freitag nach dem Fußball mein Handy checke, sehe ich eine Nachricht von Tanvir, unserem Vermieter. Zumindest dachte ich eigentlich, er wäre unser Vermieter - Immobilienmakler trifft es aber eigentlich besser. Ich erschrecke. Tanvir schreibt, dass der Wohnungseigentümer Eigenbedarf für seine Tochter angemeldet habe. Moment, das klingt ein bisschen irreführend. Er hat Eigenbedarf für die Wohnung angemeldet. Seine Tochter soll einziehen. Wir haben alle bis zum 15. März Zeit, eine neue Wohnung zu finden. Sprich: Wir müssen innerhalb von vier Wochen hier raus. Ich überlege, zu antworten, dass unter uns ein DJ wohnt und die liebe Tochter doch auf keinen Fall in eine so laute und unbequeme Umgebung ziehen will, warte dann aber erstmal ab, was meine Mitbewohnerinnen dazu zu sagen haben. Auch sie haben die Nachricht bekommen und sind alle entsetzt. Lory ist - wie ich - innerhalb des letzten Monats erst eingezogen, Mikaela und Maria sind beide planlos, wohin mit sich. Für sie ist es auf jeden Fall ernster als für mich. Eigentlich habe ich nur zweieinhalb Koffer und nicht mal Möbel, ein Umzug wäre kein riesiges Problem. Ich könnte zur Not über die Schule immer eine Wohnung in Croydon kriegen, auch wenn ich darauf absolut keine Lust hätte. Auf keinen Fall will ich wieder nach Croydon. Meine Mitbewohnerinnen haben es aber deutlich härter. Für sie ist es kein Auslandsjahr. Sie haben Möbel, sie arbeiten fest und vor allem: sie leben hier. Wir alle finden, dass vier Wochen zu kurzfristig sind, um erwarten zu können, in London eine neue, bezahlbare Wohnung zu finden. Wir sind alle ein bisschen aufgebracht, aber dennoch zuversichtlich, dass der Vermieter Verständnis dafür hat und uns zumindest zwei Monate Zeit gibt. 

Ich gehe am Samstag joggen und werde, als ich zurückkomme, im Treppenhaus von drei Männern angesprochen. Der mit Abstand älteste der Männer fragt mich, in welcher Wohnung ich denn lebe. "Flat 6", sage ich, und sie fragen, ob der Mann, der sich als der Besitzer der Wohnung vorstellt, fragt, gleich mal nach oben kommen könne. "Klar", sage ich, und hoffe, ihn davon überzeugen zu können, uns ein bisschen mehr Zeit zu geben. Kurz darauf klopfen die Männer an. Der älteste Mann, also der Besitzer, spricht kaum Englisch und macht mir eher mit Handbewegungen deutlich, dass wir hier aus der Wohnung müssen. Ich frage seine beiden jüngeren Begleiter nochmal, was der Besitzer nun wirklich gemeint habe. Sie sprechen besser Englisch und bestätigen, dieses Mal mit Worten, dass wir hier "so schnell es geht" raus müssen. Ich frage, was "so schnell es geht" denn bedeute. Der Vermieter sagt: "Am besten nächste oder übernächste Woche." Ich bin ein bisschen schockiert. Und wütend. Dass er seine eigene Wohnung nutzen will, ist sein gutes Recht. Aber zwei Wochen Kündigungsfrist sind einfach frech. "Kann Ihre Tochter nicht noch ein paar Wochen warten?", frage ich ihn. "Sie wissen, wie hart der Wohnungsmarkt hier ist." "Was für eine Tochter?", sagt einer der beiden jüngeren Männer. Und damit fängt der ganze Quatsch, der viel zu kompliziert zum Beschreiben, viel zu schwierig zum Verstehen und viel zu ätzend zum Lesen ist, an: Die Tochter zieht garnicht ein. Ich bin mir nichtmal sicher, ob der Vermieter eine Tochter hat. Als ich dem alten, immer dementer wirkenden Besitzer Tanvirs Nachricht zeige, fragt er nur: "Wer ist dieser Tanvir?" Einer der beiden jüngeren Männer kennt ihn und meint, er wäre von einer anderen Immobilienfirma. "Der hat keine Ahnung. Wir müssen das Haus renovieren und kriegen keine Zuschüsse, wenn wir nicht bis Ende März damit angefangen haben." Das ist schön und gut, eine Renovierung tut jedem Haus gut, nur wäre es schön gewesen, die Mieter wissen zu lassen, dass sie bald auszuziehen haben. Und das sage ich den drei Männern. Einer der jüngeren Männer fragt mich, ob ich mich jetzt wohl mit ihnen streiten wolle. Ich bin überrascht, denn wenn ich die Wahl hätte, würde ich mich natürlich nicht streiten. Ich würde einem Streit liebend gerne aus dem Weg gehen. Mir würde es besser gefallen, ich hätte diese Leute garnicht getroffen, aber so ist das jetzt nun mal. Nicht ich habe an deren Tür geklopft, nein, sie stehen gerade vor meiner Tür. Dafür habe ich natürlich nicht den Mut und versuche deswegen, die sich immer mehr aufladende Stimmung zu entschärfen. Ich sehe, dass einer der Männer, eine Packung Tabak in seiner Tasche hat und frage, mit dem Blick auf den Tabak, ob wir nicht eben eine Kippe zusammen rauche wollen und anständig quatschen. Es entschärft die Situation. Wir steigen durch das Fenster im Treppenhaus auf eine Art Dachterrasse und drehen uns Zigaretten. Der alte Mann bleibt im Treppenhaus und klopft ungeduldig auf seinem Klemmbrett. Ich ignoriere ihn.

Als ich unsere Situation schildere, schütteln die jungen Männer ihre Köpfe immer schneller. "Wie, euch wurde nichts gesagt?" Wir unterhalten uns, jetzt, mit den entschärfenden Zigaretten in der Hand, zumindest ein bisschen weniger angespannt und ruhiger. Ich gebe Sha, einem der jüngeren Jungs, meine Nummer und er verspricht mir, sich schnell zu melden. Natürlich hat er das immer noch nicht gemacht. Zuammengefasst lässt sich die Situation am Ende so beschreiben (wer sich nicht für das Thema Wohnung interessiert, sollte hier, wenn es nicht schon längst getan wurde, den Blog schließen, denn mehr kommt nicht - ja, wir waren am Samstagabend feiern und am Sonntag war ich mit Charlie bei der 0-2 Heimschlappe von Tottenham gegen Wolverhampton, es war lustig und äußerst cool, aber mehr muss ich davon nicht erzählen, sonst nähme der Blog wirklich kein Ende): Es gibt wohl zwei Immobilienfirmen, für die eine arbeitet Tanvir, dem wir Kaution und Miete überwiesen haben, für die andere arbeiten die beiden Männer. Die Immobilienfirmen scheinen nicht miteinander zu reden, irgendwie haben beide Firmen was mit unserem Haus zu tun. Das Haus soll nun renoviert werden und alle Bewohner (nicht nur wir) werden rausgeschickt. Der Besitzer hat - mit einer SMS -  die Immobilienfirmen davon in Kenntnis gesetzt. Von den Immobilienfirmen hat sich aber niemand dafür verantwortlich gefühlt, bis ein Mitarbeiter - wer das war, weiß wohl niemand - dem Vermieter gesagt hat, er habe den Bewohnern mitgeteilt, dass sie ausziehen müssen. Das Problem: Es wurde nichts mitgeteilt. Es wurde kein einziger Bewohner des Hauses darüber informiert, dass jemand rausmüsse. Kein Einziger! Dem Besitzer, der als eine Maske eine Art Astronautenhelm trägt und damit äußerst dämlich aussieht, ist das aber egal. Er wundert sich, warum die Wohnung plötzlich vier Zimmer habe. Offiziell dürfen hier wohl nur zwei Leute wohnen. Eine der Immobilienfirmen hat sich wohl das Recht genommen, die Wohnung umzubauen. Der Besitzer fragt mich in der Küche: "Wo ist euer Küchenfenster?" und ich gucke mich in dem fensterlosen Raum nur um und frage: "Bitte was?". Wie dem auch sei, zwei von uns leben hier jetzt illegal. Tanvir, der von all dem anscheinend Bescheid wissen sollte und die Kaution von uns allen hat, ist seitdem nicht mehr erreichbar. Leider wohnt er auch nicht in London. Nein. Er wohnt in Bangladesh. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Und irgendwie tut das niemand. Es gibt noch tausende Einzelheiten, bei denen ich immer den Kopf schütteln muss, als ich sie höre: Fest steht nur: Uns wurde nichts gesagt, eigentlich hätten die Mieter seit November wissen sollen, dass sie gehen müssen, und jetzt müssen wir alle innerhalb von zwei Wochen unsere Sachen packen. In anderen Worten: Fuck.

Wie gesagt: für mich ist das alles irgendwie ertragbar. Ich hoffe irgendwie, bis Ende März hier weiter wohnen zu dürfen. Danach bin ich kurz nicht in London und komme dann noch für ein paar Wochen bei Nicola und Charlie unter. Ich muss nur hoffen, den März noch bleiben zu dürfen. Aber ich sehe, wie ernst und scheiße die Lage ist, als ich die Eltern der Familie neben uns sehe. Sie sind wirklich fassungslos. Sie haben zwei Kinder und müssen jetzt innerhalb von zwei Wochen ein neues Zuhause finden. Zwar haben sie, wie meine Mitbewohnerinnen, einen Mietvertrag, aber der ist wohl nicht gültig, weil er von Tanvir ausgestellt wurde. Und Tanvir ist für das Haus eigentlich nicht mehr zuständig, war es eigentlich noch nie. Seine Immobilienfirma hat inzwischen Insolvenz angemeldet. Kein Wunder, wenn man mich fragt. Aber mich fragt ja keiner.

Tut mir leid, meine Freunde, dass es hier nur um so langweilige, schwer zu beschreibende Dinge wie Mietrecht ging. Es kommen bestimmt wieder schönere Themen und Geschichten: Vielleicht sehe ich ja demnächst, wie unser Schulleiter im Stehen neben ein Sitzklo pinkelt (vielleicht habe ich das auch schon?), vielleicht treffe ich Wayne Rooney bei Wetherspoons. Aber in dem Blog schreibe ich halt auch manchmal einfach über Sachen, die mich beschäftigen - ihr seid da eben wie Gefängnisinsassen, die fliehen wollen und jetzt vor der Kanalisationsröhre stehen: Da müsst ihr durch. 






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