Sonntag, 20. Februar - Tourismus in der Pinkelstraße
Ferien. Jawoll. So ganz genau verstehe ich immer noch nicht, warum nicht alle Menschen Lehrer werden wollen. Es ist wirklich fantastisch. Gerade finde ich wieder in meinen Schulrhythmus hinein, zack, da ist schon wieder eine Woche frei. Auf der andern Seite: Ich freue mich schon extrem, dass jetzt Ferien sind, weil ich wenig Lust darauf hatte, noch weiter zu unterrichten, was ja genau genommen gegen den Lehrerjob spricht und dafür, dass ich vielleicht schonmal irgendwann, vielleicht im Sommer, etwas Anderes ausprobieren sollte.
Relativ kaputt wache ich am Montagmorgen auf. Eigentlich will ich joggen gehen, aber dafür ist keine Zeit mehr. Ich muss dringend meine Wäsche waschen, mein Zimmer aufräumen und es irgendwie so herrichten, dass Manu, der heute zu Besuch kommt, darin schlafen kann. Mein Zimmer ist ungefähr 7 Quadratmeter groß. Es kommt nicht von ungefähr, dass ich in Regensburg relativ häufig gefragt werde, warum eigentlich alle Leute aus Bamberg groß sind. Manu ist knapp unter zwei Meter und - ausgestreckt - länger als das Zimmer lang. Dann soll er sich mal nicht strecken und so anstellen, denke ich mir, als ich Isomatte und Schlafsack bei Nicola abhole. Was erwartet er auch? Dass ich ihm hier ein tolles Zimmer, groß, komfortabel und mit Meerblick anbieten kann? Völliger Blödsinn, Manu. Du kannst froh sein, dass ich hier, nach den Ereignissen der letzten Woche, überhaupt noch ein Zimmer, oder wie manche Leute durchaus schön sagen: eine Bleibe habe. Außerdem: London liegt nicht mal am Meer, du Witzbold.
Ich freue mich auf den Besuch und sitze pünktlich abends um halb acht auf einer Bank im St Pancra's International Bahnhof und warte auf die Ankunft des Eurostars. Neben mir spielt ein Mann Klavier und ich bin mir nie sicher, ob ich nach einem Stück nun klatschen oder schweigend in die Leere schauen soll. Der Eurostar kommt an und Manuel, der deutlich zu groß für mein Zimmer scheint, ist verwundert über die Autos auf der falschen, und ich sage ausdrücklich nicht: auf der linken, Seite. Daheim angekommen kaufen wir uns zwei Dosenbier und laden erstmal alle Sachen in meinem Zimmer ab, das irgendwie minütlich zu schrumpfen wirkt. Wir setzen uns ans kniehohe Fenster, öffnen die Biere und zünden zwei Zigaretten an. Es macht einfach unglaublich Spaß, wieder richtig auf Deutsch mit jemandem zu reden, ich komme aus dem quatschen nicht mehr raus. Ich habe das Gefühl, non-stop nur am Reden und irgendwann dann auch am Nerven zu sein, aber Manu scheint höflich und gut genug erzogen zu sein, um mich darauf nicht aufmerksam zu machen. Wir spazieren gegen halb zwölf los und suchen nach einem Restaurant. In meiner Straße gibt es einige indische und bangladeschische (ich musste erstmal googlen, ob das wirklich so heißt) Restaurants, und wir entscheiden uns für eines, das mit einem Vorspeise, Hauptspeise, Naan und Getränk-Angebot wirbt. Wir sitzen lange da, essen und quatschen und kommen irgendwann spät nach Hause. Wir schaffen es, das Zimmer so einzurichten, dass wir wirklich auch beide darin Platz finden. Es ist sogar einigermaßen gemütlich. Wobei, das lässt sich aus meiner Sicht natürlich auch leicht sagen. Denn für mich ändert sich nicht viel, außer dass ich, wenn ich nachts ins Bad gehe, aufpassen muss wo ich hintrete und die Tür beim Öffnen zunächst nur einen Spalt aufmachen kann, bis sie Manus Beine berührt, der diese dann - meist erschrocken und schlaftrunken - zurückzieht. Erst dann kann man die Tür aufmachen.
Die nächsten Tage spazieren wir viel durch die Stadt. Ich habe letzte Woche zu Manu gesagt, dass er Glück mit dem Wetter habe. Die ganze Woche soll es bestes britisches Wetter sein. "Hä Theo, es regnet ja die ganze Zeit." Cool wie ich bin, antworte ich darauf nur: "Sag ich doch." Ich bin die letzten Wochen selber nicht so viel durch die City of London oder durch Westminster spaziert, auch die Themse bin ich bestimmt seit Weihnachten nicht mehr entlanggeschlendert - mit Besuch ist das anders. Wir spazieren von meiner Wohnung zur Tower Bridge, überlegen uns, Tickets für eine Besichtigung für sie zu kaufen, sehen sowohl Preis (20 Pfund) als auch Schlange (20 Leute, eigentlich nicht so viel, der Preis war auschlaggebend) und entscheiden uns für ein "Nein.". Wir spazieren weiter an die London Bridge, von da aus durch ein gemütliches Pubviertel in Richtung Millenium Bridge. Wir laufen zur St. Paul's Cathedral, alles inzwischen mit pitschnassen Jacken und triefenden Schuhen. Will heißen: Manu sieht einiges. Ob Kirchen, Brücken, Gefängnisse, Wolkenkratzer - es ist viel dabei, was ihn hätte beeindrucken können. Und ich will ihm das auch nicht absprechen, hin und wieder zückt er sein Handy, sagt kurz beschämt "ich weiß, das ist nervig, aber davon muss ich jetzt kurz ein Foto machen" und macht dann ein Foto. Der einzige Moment, der ihm ein lautes "Oh", gefolgt von einem "Ist das geil!" entlockt, ist jedoch, als wir vor einem Sainsbury's stehen und ich ihm sage, dass es hier Meal Deals für drei Pfund fünfzig gebe, die aus einem Main (wie einem Sandwich), einem Snack (z.B. Chips) und einem Getränk (Cola, Fanta oder ähnliches) bestünden. Da kennt er kein Halt mehr. Wir stehen Ewigkeiten in dem Supermarkt und Manu kommt immer wieder mit einer anderen Variation zurück, nur um sich am Ende für das gleiche Sandwich wie ich zu entscheiden. Als Snack wählt er ein paar Frühlingsrollen, die ihm nicht schmecken. Das Getränk ist eine rhabarberfarbene Limonade, die er nur mit "schmeckt einfach wie eine Limo aus dem Ausland" beschreibt. Ich probiere einen süßen Schluck und kann das bestätigen.
Fast jeden Tag kochen wir uns ein Full English Breakfast, das bei genauerer Betrachtung doch nicht so full ist, weil wir keinen Bacon kaufen (hatet mich, aber jeder vegetarische Bacon, den ich bis jetzt probiert habe, hat - Entschuldigung - wie Scheiße geschmeckt) und auch auf Hash Browns verzichten. Hash Browns sind neben Bohnen, Würsten, Bacon, Tomaten, Pilzen und Eiern ein fester Bestandteil des traditionellen English Breakfasts, nur war ich Anfang des Schuljahres extrem überrascht, als mir die 9. Klässler auf die Frage nach ihrem Lieblingsgebäck stolz mit "Hash Browns" antworteten. Ich war verdutzt und fragte mich, warum sie mir, der ich ja genau genommen, auch wenn ich das nur ungern wahrhaben will, schon ein Lehrer bin, sagen, dass sie immer wieder Haschbrownies essen. Als ich gerade mit der allzu verallgemeinernden Lehrerkeule namens "Weed ist fei gefährlich" schwingen wollte, erzählten mir die Schüler damals, dass Hash Browns aber wohlgemerkt rein garnichts mit irgendwelchen Drogen zu tun haben. Die Keule habe ich wieder gesenkt.
Dienstag Abend schlendern wir durch Shoreditch und landen in der Blues Kitchen, in der Live Bluesmusik gespielt wird. Das macht schon was her. Eine sichtlich betrunkene Frau erzählt mir, dass sie aus Shoreditch nach Bethnal Green gezogen sei, weil sie es nicht mehr abkonnte, wenn ihr Drogenabhängige vor die Tür pinkeln. Das können wir verstehen, sogar beim ersten Mal schon, trotzdem zögert die Frau nicht, das Ganze noch drei bis vier Mal zu wiederholen. Dabei muss ich sagen: genau das finde ich das lustige an meiner neuen (aber bald auch schon wieder alten, man lese den letzten Blogeintrag) Wohnung. Es ist sehr unterhaltsam, sich einfach, vielleicht sogar mit einem Bier bewaffnet, ans Fenster zu setzen und aus demselbigen hinaus auf die Straße zu schauen. Und genau das machen wir auch:
Ein Straßenmusiker, der vor allem für Alkohol und Gras Musik macht, spielt ununterbrochen. Jedes Mal, wenn er ein neues Lied ankündigt, beleidigt er dabei auch Leute, die um ihn herumstehen. Meistens bleibt diese Kritik sehr allgemein: "I hate people." Er spielt unfassbar gut Gitarre und hat eine geile Stimme. Währenddessen können wir beobachten, wie ein Junge, der vielleicht ein bisschen älter ist als wir, einer Frau hinterherläuft. Die Frau hält eine Sporttasche im Arm und brüllt den Jungen an. Die Sporttaschen, das finden wir später raus, gehört dem Jungen. Die Frau ist obdachlos. Es sind viele Leute auf der Straße unterwegs und im Laufe des Theaters versammeln sich immer mehr Obdachlose um die Frau. Sie drängen den Jungen weg. Gleichzeitig fahren Autos in gefährlicher Geschwindigkeit auf der engen Straße entlang. Die Müllabfuhr fährt vorbei und ein Müllmann will einen Beutel mit Glas einwerfen. Der Beutel fällt ihm aber aus der Hand und das gesamte Glas zerspringt auf der Straße. Er schaut sich das Ganze an, steigt wieder auf und die Müllabfuhr fährt weiter. Immer mehr Obdachlose drängen den Jungen weg. Zwei betrunkene junge Männer wollen sich schlagen, tun das auch, aber umarmen sich anschließend nur sehr grob und rangeln. Zwei Männer müssen sie auseinanderreißen. Die Polizei fährt am Straßenmusiker vorbei und er beleidigt sie. Die Polizei macht das Blaulicht an und hält an. Der Musiker versteht den Ernst der Lage nicht und beleidigt die Polizisten weiter. Irgendwann wir es ihnen zu bunt. Er muss die Musik ausmachen. Dann fahren sie weiter. Kurz darauf läuft auch die Musik wieder. Mein Fenster ist herrlich. Wir sitzen noch lange da, irgendwann singt der Musiker sogar kurz über uns. Ich kann nicht verstehen, ob er uns auch beleidigt. Es ist aber anzunehmen.
Wir verbringen einen Tag in Brighton, einer Stadt südlich von London am Meer. Es ist wahnsinnig windig, fast stürmisch, aber genau das gibt der Stadt den richtigen Touch. Wir haben vor, richtig zu schlemmen. Wir sitzen in einem Café nach dem Nächsten und trinken dann noch, auf Empfehlung meines Vaters, am Strand ein Dosenbier, weil das "die Engländer so machen". Wir schauen uns den Sonnenuntergang an, frieren irgendwann enorm, denn es ist ja immerhin erst Februar und landen dann zuerst bei Wetherspoons und dann im Zug zurück nach London. Wir spazieren von der London Bridge in Richtung Brick Lane. Auf dem Weg kommt man am Tower of London vorbei und ich muss sagen: Er ist mein neues Lieblingsgebäude. Neben all den riesigen, modernen Hochhäusern sieht der Tower winzig, fast süß aus. Und so bescheiden. Er wird, ein bisschen wie der Regensburger Dom oder die Geisfelder Kirche, nur von ein paar gelben, warmen Lichtern beschienen. Keine grellen, nervigen LEDs, der Tower of London strahlt eine unheimlich gemütliche Ruhe aus. Also: Wenn ihr mal bei Nacht in London seid, und warum solltet ihr nur am Tag da sein, für einen Tag ist der Weg aus Deutschland nun wirklich zu weit, setzt euch abends an den Tower of London. Es ist wunderbar.
Freitag verbringen wir in Soho und in der Tate Modern, in der ich jetzt schon das dritte Mal bin und jedes Mal den gleichen Fehler mache, die ersten paar Räume ganz bewusst und gründlich anzuschauen, meine Aufmerksamkeitskurve aber Stück für Stück nach unten gleiten zu lassen, bis ich am Ende des ersten Stockwerks kaputt in eine der unheimlich gemütlichen Sofas falle. Von den weiteren Stockwerken und Ausstellungen habe ich noch nichts gesehen. Freitagnacht legt Enrico Sangiuliano in der Fabric auf, in der ich bisher erst einmal war. Es ist ein bisschen schade, dass die Fabric immer viel zu viele Menschen in den Club lässt, wodurch ein ätzendes Gedränge entsteht. Wir finden einen Nebenraum, in dem wir bis drei Uhr, bis endlich der Main Act anfängt, tanzen. Es macht unheimlich Spaß. Es ist das erste Mal seit langem, dass ich wieder richtig feiern war. Wir sind komplett kaputt, als wir morgens um halb sieben uns Bett fallen. Auf der anderen Seite: Irgendwie habe ich mich immer noch nicht daran gewöhnt, dass ich hier mit jemandem Deutsch reden kann und quatsche noch weiter, bis Manu mich irgendwann, zu kaputt um wütend zu klingen, fragt: "Sag mal bist du eigentlich nie müde?"
Wir gehen den Samstag langsam an. Abends wollen wir uns mit Charlie, seinem neuen Mitbewohner, Nicola und Lucy treffen. Wir fangen ein bisschen zu spät zu kochen an und essen um vier Uhr Nudeln mit Tomatensoße. Eine ulkige Zeit für ein Mittag, oder Abendessen, vor allem weil wir um sieben bei Nicola zum Essen eingeladen sind. Auf der anderen Seite haben wir den tag über nichts anderes als ein paar Bagels gegessen, in die sich Manu innerhalb kürzester Zeit verliebt hat. Jeden Tag essen wir mindestens zwei Bagel, oder wie sie hier geschrieben werden: Beigel. Ich finde aber den Ausdruck "sich einen bageln" deutlich lustiger als "sich einen mit Hummus und Gurke belegten Bagel kaufen", deswegen hier nochmal der Satz: Jeden Tag beigeln wir uns einen. Wir laufen zu Nicola, essen, und wollen nach Camden fahren und uns da mit den anderen treffen. Aber die sind leider zu früh schon zu kaputt und wir verpassen uns. Trotzdem wollen wir irgendwie nicht, dass der Abend schon vorbei ist, also beschließen wir, ins Jazz Café zu gehen. Wieder tanzen wir ewig. Im Bus nach Hause bricht fast eine Schlägerei aus, als ein Mann ohne zu zahlen in den Bus einsteigt und dann nicht mehr aussteigen will. Zwei Männer, die das Prinzip "Selbstjustiz" zu lieben scheinen, wollen den Mann rausschleppen und fragen den Busfahrer die ganze Zeit von hinten, ob sie ihn rauswerfen dürfen. Nicht den Busfahrer natürlich, sondern den Mann. Es ist wahnsinnig unsympathisch. Sie tun so, als ob sie was Gutes täten, haben aber eigentlich nur Bock, sich geil zu fühlen und sich ein bisschen zu rangeln. Aber ehrlich gesagt bin ich auch schon zu müde, um alles genau mitzukriegen und muss mich vor allem um die beiden Leichen Manu und Nicola kümmern, die praktisch schon im Stehen schlafen. Als wir mit Nicola an der Liverpool Street auf ihr Uber warten, taumeln zwei besoffene und glatzköpfige Männer aus einem Stipclub und fragen uns, wo der nächste Bankautomat sei. Wir haben keine Ahnung und einer von ihnen wankt weiter und pinkelt, ironischerweise, mit sehr weit heruntergelassener Hose gegen ein Bankgebäude.
Am Sonntag reicht unsere Energie gerade aus, Essen zu holen. Es ist eine wunderbare Woche, uns mit den Ferien ist es jetzt wie mit Menschen, die den Autor der unendlichen Geschichte besuchen: Sie gehen zu Ende.
So unterhaltsam und lang - da verzeihen wir die Verspätung!
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