Sonntag, 6. Februar - Krötenwanderung

 Es ziemt sich nicht, über Geld zu reden. Das weiß ich. Eines der tollsten deutschen Sprichwörter ist „Geld hat man, darüber spricht man nicht“. Nichts ist weniger interessant, als zu hören, wie viel Geld jemand besitzt. Denn Geld, und so sagt es sogar schon der deutsche Gesetzestext ‚hat man zu haben‘. Nicht mehr, aber auch nicht weniger. Ich finde diese Bescheidenheit gut. Es ist – ohne Frage – toll, viel Geld zu haben. Viel toller, oder in diesem Kontext eher: Viel dollar ist es aber, viel Geld zu haben und mit dieser Tatsache bescheiden umzugehen und niemanden damit zu nerven. Aber was ist, wenn man garkein Geld hat? Ändert sich dann dieses Sprichwort? Darf man, wenn man schon kein Geld hat, wenigstens darüber reden? Ich sage: ja. Und deshalb mache ich das. Der Blog diese Woche handelt von Geld, wie man es bekommt, spart und vor allem, wie man es wieder los wird.

Ich wusste, als ich vor knapp zweieinhalb Wochen in die Innenstadt gezogen bin, dass es sich hier teurer leben wird als in Croydon. Trotzdem habe ich einen kleinen Denkfehler begangen: Als ich nachgeschaut habe, wie viel Miete ich denn in meiner alten Wohnung gezahlt habe, habe ich nicht schlecht gestaunt. 510 Pfund für diese Wohnung? Sehr viel. Da machen die 90 Pfund mehr für meine Wohnung in der Brick Lane auch keinen Unterschied. Leider liegt genau hier der Denkfehler: Ich habe die Abrechnung für Dezember angeschaut, und im Dezember wurden alle Nebenkosten abgerechnet. In vielen Haushalten in England, und so auch in meinem, werden die Nebenkosten aber nur alle drei Monate abgerechnet und wirken deswegen, wenn sie auf einmal kommen, ziemlich hoch. Dass diese Nebenkosten eigentlich durch drei zu teilen sind, habe ich bei meiner Entscheidung umzuziehen vergessen. Eigentlich sind es also nicht nur 90 Pfund, sondern 200 Pfund, die die Mietkosten zwischen Croydon und Tower Hamlets (so heißt der Stadtteil, in dem ich wohne) voneinander unterscheiden. Was für ein langweiliges Thema, merke ich gerade. Es ist ja wirklich uninteressant, von Geld zu sprechen oder gar zu schreiben, es muss ja schecklich sein, das auch noch zu lesen. Aber zum Glück ist das nicht meine, sondern eure Aufgabe. Und ihr wollt ja wissen, was bei mir so los ist. Als ich gerade in die 200 Pfund teurere Wohnung eingezogen bin, überrascht mich mein Vermieter mit der Bitte nach 500 Pfund Kaution. ‚Hilfe‘, denke ich, daran habe ich ja auch nicht gedacht. Genervt überweise ich das Geld, oder wie manche gewitzte Leute auch Sagen: die Moneten, und nehme mir fest vor, in der Wohnung dann wenigtens auch wirklich was zu zerstören, ein Fenster zum Beispiel oder den Ofen, damit sich die Kaution zumindest auch gelohnt hat und sie nicht einfach so ins Nichts gezahlt wurde.



Leider hört es bei der Kaution nicht auf. Alles kostet einfach viel. Es ist auch keine Hilfe, dass der ‚Transport for London‘, kurz TfL, der teuerste öffentliche Nahverkehr der Welt ist. Wäre ja langweilig, wenn er nur der zweit- oder drittteuerste wäre. Pro Woche zahle ich also auch noch einen Haufen Geld, um in die Schule zu kommen, und einen zweiten Haufen Geld für die Fahrt zurück. Ab und an laufe ich morgens nach Whitechapel, um zumindest eine Station zu sparen, aber da ich während der Peak Times unterwegs bin, ändert das eigentlich auch nicht viel. Ich muss mir also etwas überlegen, um Geld zu sparen. Von Anfang an bin ich mir dabei allerdings sicher, dass Karl Lagerfelds Motto „man muss Geld aus dem Fenster werfen, damit es zur Tür wieder reinkommt“ in diesem Fall nicht helfen wird. Grace verpackt es am Sonntag relativ schmucklos: „Theo, alleine zu atmen kostet hier in London Geld.“ Ich muss also kreativ werden. Und diese Kreativität beginnt bei mir, indem ich deutlich unkreativer werde: nämlich beim Essen. Ich kaufe mir einen großen Sack Haferflocken und bin mir sicher, dass jetzt zumindest für meine Frühstücke und das ein oder andere Abendessen der kommenden Woche gesorgt ist. Und ich will mich nicht beschweren: Klar, als ich das siebte Mal diese Woche Porridge (und ich verbiete hier offiziell das Wort ‚Haferbr**‘), freue ich mich schon auf das abwechslungsreiche Essen in der Schulkantine, aber eigentlich ist er echt fein, vor allem zusammen mit Wasser, Joghurt, Zimt, Honig und einem halben Apfel. Um dem Pendelproblem entgegenzuwirken, beschließe ich, mir ein Fahrrad zu mieten und die 20 Kilometer zur Schule ab demnächst zu radeln. „Das Problem hierbei ist aber“, so Lorenz, ein Tyo aus München, den ich am Montag treffe, „dass du dir zwar das S-Bahn-Geld sparst, dann aber auch mehr Hunger hast.“ Dieses Problem gilt es für mich noch zu lösen.

Für Mittwoch werde ich von einem anderen Deutschlehrer zum Essen eingeladen. Das freut mich ungemein, nicht nur wegen der Gesellschaft, sondern auch, weil ich mir so eine Mahlzeit spare. Leider kann man zu so einer Einladung aber auch nicht mit leeren Händen erscheinen. Wäre ich mit meinem Studium und Referendariat schon fertig, könnte ich zumindest mit Lehrerhänden erscheinen, eine Tatsache, die mir am Mittwoch und in meiner Geldsituation allerdings auch nicht weiterhilft. Ich kaufe also nach der Schule eine Flasche Wein. Und irgendwie will ich auch mit keinem Quatsch ankommen wie zum Beispiel dem 2-Liter Bauernwein, den ich mit meiner WG in Regensburg gerne nachts um drei bei der HEM-Tanke kaufe, also besorge ich einen Wein, der mich doch wieder neun Pfund kostet. Wehe, die wissen das nicht zu schätzen.

Wie es der Zufall will, erreicht mich eine Nachricht aus einer Whatsapp Gruppe, ober denn irgendjemand von den German Assistants Zeit hätte, in Bethnal Green, was gleich um die Ecke von mir ist, Nachhilfe zu geben. Privatstunden. Ich frage Ben, einen ziemlich jungen anderen Lehrer, der mich stets nach neuen deutschen Wörtern fragt, weil er im Sommer auf eine Art Technotour nach Berlin fahren will, wie viel ich denn verlangen pro Stunde verlangen könne. „Sag, dass du normalerweise 40 Pfund verlangst.“ „Im Monat?“, frage ich. „Nö, pro Stunde.“ Ich kann das erst nicht glauben, höre mich dann aber weiter um und stelle fest, dass manche Lehrer für Privatnachhilfe sogar schon 45 oder 50 Pfund die Stunde verdient haben. Die spinnen doch, die Briten. Aber gut, ein bisschen nervös und mit nicht ganz fester Stimme antworte ich am Telefon auf die Frage, was ich „denn koste“, mit „normalerweise 40 die Stunde“. Gedanken wie „ohne Kondom 100“ verbitte ich mir hier, und zwar ausdrücklich.

London scheint mich aber auch unterstützen zu wollen: Als wir am Samstag über den Camden Market spazieren, finde ich einen 5 Pfund Schein auf dem Boden. Ich kann es erst nicht glauben, aber tatsächlich. Ich habe an einem der belebtesten Orte Londons fünf Pfund gefunden. Am Sonntag kommt es dann noch dicker: Nicola hat Geburtstag und wir gehen alle essen. Jeder bestellt sich eine Vorspeise und ein Hauptgericht. Ich schaue auf den Boden, als die anderen ihre Vorspeisen bekommen und hoffe, dass niemandem die Leere auf meinem Tisch auffällt und ich mich für mein Vorspeisenverzicht rechtfertigen muss. Es ist Val, Nicolas Bruder, der fragt, ob ich denn keine Vorspeise bestellt habe. Als ich gerade versuchen will, mit einem „Nö“ allen weiteren Fragen gekonnt zu verhindern, kommt die Bedienung mit einer nichtbestellten Vorspeise an den Tisch. „Oh, da haben wir wohl eine zu viel gemacht.. wollt ihr sie trotzdem? Geht aufs Haus.“, sagt die Bedienung. Alle gucken mich an und sagen, dass der Bub in der Ecke sich doch bestimmt darüber freue. Also wird mir auch noch eine Vorspeise geschenkt. Wir feiern den Geburtstag in einem Pub noch weiter.

Am Freitag laufe ich guter Dinge und ebensolchen Mutes durch die Stadt und denke mir nichts Böses. Warum auch? Plötzlich kommt ein Mann an mir vorbei, zieht ordentlich Schleim aus der Nase in den Mund und spuckt laut auf den Boden. Die Hälfte davon, und dass muss ich dem Mann lassen, geht auf den Boden. Die zweite Hälfte landet aber genau auf meinem Schuh. Ich reagiere sehr langsam, verstehe eigentlich garnicht, was genau passiert ist und bin schon weitergelaufen, als mir auffällt, was gerade passiert ist. Ich drehe mich um und sehe, wie der ziemlich kaputt wirkende Mann mich anschaut. Ich habe keine Schlägereierfahrung und weiß auch nicht, ob das nun Grund genug wäre, eine anzufangen. Leider entscheide ich mich dagegen. Das war vielleicht für meine Unversehrtheit gut, denn eine Schlägerei hätte ich eh verloren – ich hatte so einen Quatsch noch nie und wüsste nichtmal wie sowas funktioniert – aber mir fällt auf, dass ich durch die Niederlage ja zumindest Schmerzensgeld hätte einfprdern können. Das wiederum wäre für meinen Kontostand von Vorteil gewesen. Aber sind wir ehrlich, der Mann, von dessen Obdachlosigkeit und Drogenabhängigkeit ich immer überzeugter bin, hätte wohl eh nicht viel gehabt. Ich spare dafür an anderer Stelle: Wir trinken bei Musta und ein paar Freunden von ihm. Katie hat mich hierzu eingeladen, es sind Freunde von ihr aus der Uni. Es ist ein lustiger Abend und wir wollen in einen Club namens ‚Heaven‘ gehen. Als wir morgens um drei endlich und nach zweistündigem Warten endlich an den Eingang kommen, schließen die Türsteher alle Tore und sagen, dass der Club übervoll wäre und die nächsten zwei Stunden niemand mehr reinkäme. Wir entscheiden, nicht reinzugehen und so, liebe Freunde, spare ich die neun Pfund für den Wein wieder ein. Gut gemacht, Theo!

 



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