Sonntag, 10. April - O finiau sbwriel a bagiau gwddf
Ach Mensch. So richtig zuverlässig bin ich einfach nicht. ‚Weekly‘ bedeutet auf Deutsch schließlich, und ich übersetze es nicht, weil ich euch Englischkenntnisse dieses Niveaus abspreche, ‚wöchentlich‘. Ihr seht: Ziel der Übersetzung ist keine subtile Kritik an euren Sprachfähigkeiten, sondern eine offene Kritik an mir und meiner Unzuverlässigkeit, zumindest einmal die Woche einen Blogeintrag zu schreiben. ‚Verfassen‘ benutze ich hier ganz bewusst nicht, denn ich finde das Wort klingt zu groß und wichtig für zwei Word-Seiten, die regelmäßig (oder eher unregelmäßig) verkatert an einem Sonntag in unbeheizten Nordlondoner WG-Zimmern beschrieben wurden.
Der letzte
Blogeintrag ist ein paar Wochen her – deswegen die anfängliche Kritik, aber:
ich bin großzügig und verzeihe mir – und bin mittlerweile in Wales. Das ist ein
ziemlich ulkiges Land. Alles hier ist zweisprachig. Natürlich ist alles auf
Englisch, aber jedes Straßenschild, jede Werbung, jede Spesiekarte ist auch auf
Walisisch. Wenn man, wie ich, keine Ahnung vom Walisischen hat, ist es leicht
anzunehmen, dass die Sprache im Wesentlichen aus Zungenbrechern besteht. Nicht
nur das: Einige Wörter kommen, zumindest wenn man sie leienhaft liest, völlig
ohne Vokale aus. Hier ein paar Beispiele für walisische Wörter: ‚bwyty‘ ist das
Restaurant, ‚llif‘ der Fluss, und hier mein persönlicher Favorit: ‚blwch llwch‘
ist der Aschenbecher. So wie es scheint, kann also jeder ein bisschen
Walisisch. Man muss dafür nur am Laptop einnicken, dass die Arme im Schlaf auf
den Laptop fallen und dann zufällig irgendwelche unpassenden Buchstaben
eintippen – schon hat man die grundsätzliche Grammatik und Rechtschreibung der
Sprache verstanden. Ich finde es sehr spannend und schön, dass die beiden
Sprachen hier so nebeneinander exisitieren. Englisch ist natürlich viel größer
und nur ein kleiner Teil der Bevölkerung spricht Walisisch, aber heute, als ich
joggen gehe, höre ich zwei Jungs, die mit einem Fußball in der Hand (oder auf
Walisich: pêl-droed mewn
llaw) auf Walisisch
quatschen. Es wird in dem Land viel getan, um die Sprache zu erhalten und zu
schützen. Vor einigen zig Jahren wurde sogar eine Kolonie in Argentinien
gegründet, in der ausschließlich Walsisich gesprochen wird. Aber naja. Es ist
nicht meine Aufgabe, euch hier mit unausführlichem Halbwissen über Sprache und
Geschichte von Wales zu nerven. Lasst mich lieber über einen anderen, jedoch
nicht minder nennenswerten Teil des Landes reden: Die öffentlichen
Männertoiletten. Es gibt so ein paar Dinge, die mir zeigen, dass die Welt in
Ordnung ist. Dazu gehört zum Beispiel das Geräusch einer laufenden Spülmaschine
nachmittags um halb vier oder Schüler, die an regnerischen Tagen für eine gut
getimte Grätsche für den Rest des Tages Matsch an ihrer Schulkleidung in Kauf
nehmen. Was aber auf jeden Fall mit in diese Liste muss, sind die kleinen
Pornoautomaten neben den Pissoirs in öffentlichen Männertoiletten. Wer weiß,
wie oft und wann zum letzten Mal die genoppten Kondome aauf Haltbarkeit geprüft
und gegebenenfalls ausgetauscht wurden. Ist doch scheißgal, ob die Batterie der
Penisringe schon lange kaputt ist. Hauptsache es gibt sie. Die Pornoautomaten,
bei denen man nur mit einzelnen ein Pfund Stücken in eine lange Autofahrt ein
bisschen Freude bringen kann. Ich weiß nicht, ob sich jemals wirklich jemand
etwas gekauft hat, oder ob die Automaten nur zur Dekoration da hängen, aber: Es
gibt sie. Und das ist auch gut so.
Auf die Gefahr
hin, dass ich nun die strickte Chronologie dieses Eintrags verletze, muss ich
mit meinen Erzählungen trotzdem nochmal nach London. Am Mittwoch kommt Elisa zu
Besuch. Sie kommt abends gegen acht Uhr an und ich will unbedingt was Feines zu
essen vorbereiten, in meiner Küche ist das aber, seit Lory ausgezogen ist und
sämtliche Töpfe mitgenommen hat, relativ schwer. Gut, dass Elisas kulinarische
Träume nicht über Hummus, Gurke, getrocknete Tomaten und Rucola hinausgehen.
Genau das besorge ich auch, und wir machen eine große Brotzeit, bei der es
sogar deutsches Brot gibt, das Elisa mitbringt. Die Briten haben nämlich die
allzu ungesunde Angewohnheit, immer und überall nur Toast zu essen. Bereits an Tag drei
sagt Elisa, dass ihr alleine beim Gedanken an Weißbrot schon schlecht
werde. Als wir anderthalb Wochen später für ein Picknick am Strand in Swansea
einkaufen gehen und ich sie auf ein paar abgepackte Scheiben dunklen Brotes hinweise,
meint sie nur: “Ach, das ist hier doch auch nur getarntes Weißbrot.”
Am Tag (und auch
die Woche) drauf muss ich noch arbeiten. Genau gesagt: Ich muss zum Wandertag.
Wandertag, auf Englisch, wie schon vor einigen Monaten beim Müllsammeln
erwähnt, heißt auf Englisch Field Day. Nicht, dass das an der Geschichte
irgendwas ändern würde. Aber trotzdem finde ich, eine Englischvokabel mehr,
wenn ihr sie wohl auch nie brauchen werdet, kann nicht schaden. Ich bin ein
bisschen nervös. Wir machen mit den 6. Klässlern eine Deutsch-Schnitzeljagd
durch London. Ich finde das eigentlich eine tolle Idee. Wir laufen in kleineren
Gruppen durch die Stadt und die Schüler müssen auf dem Weg ein Lösungsblatt
ausfüllen, auf dem alle möglichen Fragen und Aufgaben gestellt werden. Das
fängt damit an, ein Foto der deutschen Botschaft zu machen, oder aber Haribos
zu kaufen. Überall in London sind kleine deutsche Läden (das deutsche
Restaurant mit dem besten Namen “herman ze german” hat leider zugemacht) und
die klappern wir ab, machen Fotos davon, schreiben die Namen auf und so weiter.
Ich habe meine eigene kleine Gruppe von fünf Schülern. Es ist purer Stress. Ich
weiß garnicht, wo ich anfangen soll. Immerzu geht irgendein Kind verloren,
taucht dann wieder auf, nur damit ein anderes wieder verloren geht. ‘Ein
bisschen Schwund ist immer dabei’, denke ich mir ab einem gewissen Zeitpunkt
und konzentriere mich mehr auf den Weg als auf die Anzahl der zwölfjährigen,
die in ziemlich unsauberem Gänsemarsch vor und hinter mir laufen. In England
sieht man immer wieder Eltern, die ihre Kinder an der Leine halten. Das ist
kein Witz. Auch Nicola erzählt mir, dass sie als Kind an der Leine gehalten
wurde. Während ich mir bislang immer gedacht habe, was so ein Unfug denn soll,
wird mir jetzt bewusst, dass das eigentlich ziemlich praktisch ist. Ich schaue
mich in einem deutschen Lederladen nach alten Lederleinen um, vielleicht
recyclete Gürtel, entschließe mich aber nach kurzer Überlegung dazu, den
Schülern weiter Auslauf zu geben. Dafür ist der Wandertag ja irgendwie auch da.
Eigentlich ist es ein ganz lustiger Tag. Mit einer Gruppe Kindern, die sich
ständig umdrehen und bei jeder dieser Bewegungen vergessen, dass sie einen
Rucksack tragen, der mit der Drehung sämtliche Gegenstände in seiner
Schwungbahn gefährdet, durch die Parfümabteilung des Luxuskaufhauses “Harrod’s”
zu laufen, nur um am Ende die Schokoladenmarke “Läderach” mit Schreibfehlern
auf das Lösungsblatt zu kritzeln, nervt mich dann aber doch ein bisschen. Am
Ende des Tages bin ich komplett erschöpft und frage mich, ob es denn wirklich
stimme, dass der Mensch im Laufe seines Lebens eher Gehirnzellen verliert statt
welche dazuzugewinnen. So kommt es mir nämlich eigentlich eher vor. Umso
schöner ist es, dass Elisa an der Tower Bridge auf mich wartet und wir von da
aus an der Themse entlang zum Borough Market spazieren und einen riesengroßen
Aperol Spritz trinken.
Am Freitag gehen
wir, schick wie wir sind, ins Theater zu ‘Life of Pi’. Es ist unglaublich.
Solltet ihr in den nächsten Wochen zufällig in London sein, wobei, was soll
‘zufällig’ hier denn heißen, ich bezweifle stark, dass irgendjemand aus
Versehen im Flugzeug, Zug oder im schlimmsten Fall im Flixbus nach London
landet, jedenfalls, solltet ihr in den nächsten Wochen in London sein, geht
unbedingt in dieses Theaterstück. Elisa und ich sitzen zweieinhalb Stunden wie
gefesselt auf unseren Sitzen und sind beeindruckt. In der Pause merke ich, dass
Elisa wohl doch noch ein bisschen Zeit braucht, um wirklich in England
anzukommen. Ich kaufe zwei Dosen Cola, über deren günstigen Preis ich staunen
muss, und frage Elisa begeistert, wie viel diese beiden Dosen wohl gekostet
haben. “Ach keine Ahnnung, Theo. Ich kenne kein Englandgeld.. 5 Dollar?” Gut,
liebe Elisa, dass du noch zwei Wochen Zeit hast. Trotzdem findet sie, wie auch
davor schon meine Brüder und Basti, dass die Engländer alle ein bisschen ekelig
sind. Nur Manu hat sich bis jetzt durchweg positiv über das Essen hier
geäußert. Tatsächlich sehen viele der jungen Leute in Swansea, denen wir ein
paar Tage später in der Fußgängerzone hinterherstaunen, ziemlich genau wie
Toastbrot aus. Nur um etwaige Missverständnisse rechtzeitig zu beseitigen: Sie
findet nicht Basti und meine Brüder ekelig. Das denke ich zumindest.
Um nochmal zu
verdeutlichen, wie wir nach unserem freitäglichen Theaterbesuch nur so vor
Intellekt strotzen, gehen wir am Mittwoch mit Nicola nochmal ins Theater.
Dieses Mal aber in Shakespeare’s Globe, in Macbeth. Es dauert etwa eine halbe
Stunde, bis wir heruasfinden, wer von den ganzen Schaspielern überhaupt Macbeth
ist. Ich verstehe kein Wort, friere ein bisschen im Regen, und frage Elisa
immer wieder nach der Uhrzeit. Ich weiß nicht, wie man sich wirklich aufrichtig
dafür begeistern kann. Ich kann es jedenfalls nicht. Vielleicht wäre es ein
Anfang gewesen, das Stück gelesen zu haben und nicht, wie bei sämtlichen
Deutschlektüren, die Wikipediaseite erst gründlich, dann aber immer überfliegender
durchzuschauen. Ist mir aber auch egal. Es macht mir ein bisschen Spaß, mich
danach bei einem Bier in einem warmen Pub darüber aufzuregen.
Während wir in
London fröhlich vor uns hinweilen, fangen Bauarbeiter langsam und gepflegt
damit an, unser Haus abzureißen. Eines Morgens hören wir meinen Nachbarn, der
auf der Terrasse sitzt, mit dem Vermieter streiten. Mein Nachbar spielt Gitarre
und ein Bauarbeiter reißt das Fenster, dass auf die (zugegeben sehr
improvisierte Terrasse) führt. Wir gehen aus der Wohnung raus, aus Gewohnheit
und Höflichkeit grüße ich den Handwerker und frage, wie es ihm gehe, er
antwortet “gut, danke” und reißt weiter meine Wohnung ein. Eine, wie
Galileo-Moderatoren früher gesagt hätten, ‘skurrile’ Situation. Elisa kriegt
sich nicht mehr ein vor Lachen. Ich bin irgendwie zu blöd, um zu verstehen, was
der da gerade macht.
Wir gehen mit
Charlie und Lucy nach Hackney Wick, feiern in Elisas Geburtstag rein, gehen
noch ins Jazz Café, naja Charie geht verloren, als er uns sein Handy gibt und
auf Klo verschwindet, und kommen irgendwann gegen fünf Uhr wieder zu Hause an.
Ein ziemlich gutes Wochenende mal wieder. Ich muss leider die nächsten Tage arbeiten
und mich in vielen Lunchtimengesprächen im schlimmsten Smalltalk wiederfinden.
Die Gespräche bei den meisten Lehrern gehen in der Woche nach den Ferien um die
letzten Ferien, in der zweiten und dritten Woche, wie sehr sie sich auf die nächsten
Ferien freuen, und ab den letzten drei Wochen wird man eigentlich nur noch
gefragt, was man schon Pläne für ‘Half-Term’, also die Ferien, habe. Ich habe
den großen Fehler gemacht und vor ein paar Wochen am Tisch von meiner Wohnsituation
erzählt, seit dem stürzen sich einige der Lehrkräfte an jedem Mittagessen wie Piranhas
auf dieses Thema, in dem es mal nicht über Ferien geht. Das Ergebnis ist immer
gleich. Die Lehrer, die übrigens alle nett sind, sagen: “Du bist jung. Du
kannst das ja noch machen.” Es passiert während der Schule nicht viel, ein
Schüler erzählt mir, wie verkatert er sei, ich vermerke interessiert, dass ich
das nicht unbedingt hören will. Elisa fährt am Dienstag mit nach Croydon, wir
bleiben aber nicht lange. Wir laufen einmal von meiner alten Wohnung zum S-Bahnhof,
und eigentlich hat sie damit alles gesehen. Ich finde, am besten kann man es
als “trostlos” beschreiben. Elisa ist ein bisschen gnädiger: “Ja, das ist schon
ein bisschen trostlos.”
Wir gehen abends auf
einen Gig, trinken ein paar Bier, gehen noch in die Blues Kitchen in Shoreditch
und haben einen guten Abend. Die Woche verbringen wir noch in London, dann packen
wir meine Sachen in meinem Zimmer zusammen, ich muss ja ausziehen, und fahren
nach Wales.
Wir sind erst in
Swansea, dann in Cardiff. Und ein bisschen was habe ich ja schon erzählt, das
wird dem Land aber wirklich nicht gerecht. Swansea, und gerade die Strände in
der Nähe, sind wunderschön. Wir machen eine große Wanderung am Meer entlang,
über Hügel, auf denen es vor Schafen nur so wimmelt, und trinken noch ein
Kaffee mit Meerblick. Auch Cardiff ist cool, wir finden zwar an einem
Mittwochabend keinen Club, in den wir gehen können, und schlussfolgern
daraufhin, die Stadt wäre nicht cool, aber glauben beide, das ist ja auch Blödsinn.
Es ist eine wunderbare Woche.





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